Kirgistan: Gletscherparadoxon am Inyltschek

von © Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 26.11.2009, 4 min

Seit dem Sommer betreibt ein internationales Forschungsprojekt unter Beteiligung des Geoforschungszentrums Potsdam eine Klimabeobachtungsstation am Inyltschek-Gletscher im kirgisischen Tien-Shan. Die beiden Teile des Gletschers, obwohl unmittelbar benachbart, verhalten sich genau entgegensetzt.

Diethard Leber und Hermann Häusler, zwei Geologen von der Universität Wien, stehen in grauem Matsch, inmitten riesiger Eisblöcke, die in der warmen Sommer-Sonne langsam vor sich hinschmelzen. Dort wo die Eisblöcke liegen, mündet ein Seitental in ein viel breiteres Haupttal. Im Haupttal – direkt vor den beiden Geologen – verläuft der südliche Inyltschek-Gletscher. Er füllt das komplette Haupttal aus. Hinter ihnen das Seitental. Das war einst angefüllt mit dem nördlichen Inyltschek-Gletscher, als die beiden Ströme noch miteinander verbunden waren. Jetzt ist der nördliche Inyltschek vom Hauptstrom abgerissen und endet weit hinten im Seitental, im Rücken der Geologen.

„Ich find das toll, wie man das hier sieht, Hermann, diese Eisblöcke, die sich gelöst haben vom südlichen Inyltschek-Gletscher. Und man sieht, dass das System von zwei Seiten befüllt wird.“

„Ja, diese Senke. Das ist ganz phänomenal, dass da so ein blankes, schneeweißes Eis herumliegt, in Hausgröße, und dass das nicht von hinten kommt, wie man erwarten würde vom nördlichen Inyltschek, sondern vom südlichen Inyltschek da hereintransportiert wird, das ist ein ganz eigenartiger Mechanismus.“

Genau an der Talmündung liegt die Eisflanke des südlichen Inyltscheks völlig frei, keine Moräne aus Schutt hält den riesigen Gletscher in seiner Bahn. Beständig schiebt der Gletscher Eis in das Seitental hinein. Von dort fließt das ganze Jahr über Wasser auf den Gletscher zu, wird vom Eisstrom aufgestaut, bildet einen Gletscher-See. Doch dieser See, der Merzbacher-See, ist wenige Wochen zuvor ausgelaufen. Alles, was nun davon übrig ist, sind riesige Eisblöcke, die kurz zuvor noch auf dem See schwammen und jetzt wild verstreut im Schlamm herumliegen.

Der Merzbacher-See verschwindet regelmäßig – nicht ungewöhnlich für Gletscherseen. Doch der Merzbacher-See ist ausgesprochen pünktlich. Jedes Jahr Ende Juli, Anfang August läuft er aus. Warum das auf den Monat genau passiert, ist Wissenschaftlern nicht völlig klar. Hypothesen gibt es, doch die sind bisher nicht bewiesen, so Hermann Häusler:

„Es braucht Wasserdruck, es funktioniert nur, wenn eine gewisse Wassersäule vorhanden ist, die ist sicher 20, 30 Meter hoch. Hier steigt einfach der Druck, der hydraulische Druck, und wenn der offensichtlich ein bestimmtes Maß überschreitet, dann presst dieses gewaltige See-Volumen durch die Spalten und Höhlen des abdämmenden Gletschers und gurgelt dann da diese Kilometer hinunter und bricht dann aus.“

Der Inyltschek ist mit fast 90 Kilometern Länge einer der längsten Gletscher Zentralasiens an der Grenze von China, Kasachstan und Kirgistan, nordwestlich des Himalaya-Massivs. Ursprünglich bestand der Gletscher aus zwei Strömen, die zusammen getroffen sind – eben dort, wo heute der Merzbacher-See aufgestaut wird. Heute sind die beiden Ströme auseinandergerissen. Nur der größere südliche Inyltschek ist weiterhin aktiv und wächst sogar noch, Der kleinere nördliche Inyltschek-Gletscher schmilzt ab und schrumpft, hat sich in seinem Tal weit zurückgezogen. Ein rätselhaftes Phänomen, wie die österreichischen Wissenschaftler finden:

„Das ist ein Teil des südlichen Inyltschek, der nach wie vor aktiv ist, der in diesen See hineinkalbt, wenn ein See existiert, und zu diesem Phänomen führt, dass wir hier direkt nebeneinander einen Gletscher haben, der vor sich hin schmilzt und daneben ein Gletscher vorstößt, der noch aktiv ist.“

Innerhalb von nur wenigen Quadratkilometern herrschen hier am Inyltschek Bedingungen, die Gletscher schmelzen, aber auch wachsen lassen. Das Phänomen, dass zwei direkt nebeneinander liegende Gletscherströme so unterschiedlich auf ein verändertes Klima reagieren, ist bisher noch nicht verstanden. Doch, so die Wiener Geologen, sei das grundlegend für das Verständnis des Klimawandels im Tien-Shan. Denn bisher sind die Folgen des Klimawandels im Tien-Shan kaum erforscht. Auch hier, in einem der weltweit größten innerkontinentalen Wasserreservoire überhaupt, schmelzen die Gletscher. Deshalb ist die Arbeit der Wiener Geologen auch eingebunden in ein Projekt, das klären soll, wie sich das Klima in Zentralasien künftig entwickeln wird. Federführend sind das Zentralasiatische Institut für Angewandte Geowissenschaften in Bischkek, und das Geoforschungszentrum Potsdam.

In diesem Sommer haben Deutsche und Kirgisen dafür am Inyltschek-Gletscher die Forschungsstation für ein Klima-Observatorium eingerichtet. Mit der neuen Station soll die Entwicklung des Klimas im Tien-Shan in den folgenden Jahren genau überwacht werden. Die Gletscher – so wie der Inyltschek – sind dabei die wichtigsten Indikatoren.