Spätaussiedler kehren aus Deutschland wieder zurück nach Kasachstan. Ihre Geschäftsideen lassen sich dort besser umsetzen. platzhalter

Im Zentrum von Astana fahren die Autos dicht an dicht. Von der Nur-Astana-Moschee, der größten des Landes, weht der Gesang des Muezzins herüber. Rechts und links der Moschee stehen Hochhäuser, Ministerien, Prachtbauten, in Windeseile hochgezogen in den vergangenen Jahren. Seit Astana 1997 zur neuen Hauptstadt Kasachstans ernannt wurde, erlebt die Stadt einen Bauboom. Andreas Seewald, der mit seinem silbernen SUV unterwegs ist, hat als Bauunternehmer das neue Zentrum mitgestaltet. „Als ich in Astana anfing, gab es hier gar nichts“, erzählt er in breitem Schwäbisch, „das waren alles leere Grundstücke“.

Der hochgewachsene Mann Ende Vierzig hat einen langen Weg zurückgelegt, ehe er hier in Kasachstan zu Wohlstand gelangte. Seine Eltern und Großeltern waren Wolgadeutsche. 1941 wurden sie nach Kasachstan zwangsumgesiedelt. Die sowjetische Führung unter Stalin fürchtete, dass die Deutschen, die einst Katharina die Große nach Russland geholt hatte, mit Hitler kooperieren könnten. In dem Dorf Peterfeld, wo Seewald aufwuchs, sprachen die Kinder nicht Russisch, sondern Deutsch. „Von den 500 Bewohnern waren 95Prozent Deutsche“, erinnert er sich.

Als die Sowjetunion 1991 zerfiel, Kasachstan unfreiwillig in die Unabhängigkeit taumelte und einen wirtschaftlichen Totalzusammenbruch erlebte, sah Seewald wie viele hier keine Perspektive mehr. 1993 ging er mit der ganzen Familie nach Deutschland. „Die Unsicherheit hat uns regelrecht gezwungen, unsere Kinder in ein sicheres Land zu bringen und eine neue Existenz aufzubauen“, sagt er. So wie er haben in den vergangenen 25 Jahren knapp eine Million ethnische Deutsche Kasachstan in Richtung Deutschland verlassen, wurden als sogenannte Spätaussiedler deutsche Staatsbürger.

Doch obwohl Seewald sehr gut Deutsch sprach und rasch Arbeit fand, schien es dem Elektrotechnik-Ingenieur unmöglich, ein eigenes Geschäft aufzubauen. Zu groß war das Misstrauen der „echten“ Deutschen gegenüber ihm und seinen Landsleuten, den „Russen“ oder „Kasachen“. Als er wenige Jahre später im Urlaub zurück nach Kasachstan fuhr, erlebte er ein Land, in dem die Wirtschaft wieder Fahrt aufnahm. „Mir wurde klar“, sagt Seewald, „dass ich meine Fähigkeiten hier viel besser als in Deutschland nutzen konnte.“

Heute hat Kasachstan dank riesiger Rohstoff-Vorkommen und internationaler Investoren Wachstumsraten von rund sieben Prozent und ist eines der wirtschaftlich stärksten Länder unter den Ex-Sowjetrepubliken. Seewald hat in Kasachstan mittlerweile eine eigene Firma, 150 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz zwischen sieben und zehn Millionen Euro. Er setzt vor allem auf Geschäftskontakte in Deutschland. „Dort gibt es Know-how und Spezialisten, die viele Betriebe in Kasachstan nicht haben.“

Solche Kontakte seien der entscheidende Vorteil, mit denen sich Rückkehrer in Kasachstan wirtschaftlich profilieren könnten, sagt Irina Hetsch von der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die die deutsche Minderheit in Kasachstan unterstützt. „Diesen Leuten geht es in Deutschland nicht schlecht“, betont sie. „Sie denken lediglich unternehmerisch und nehmen ihre hiesigen Chancen wahr.“

Das tut auch Paul Kirol. Der 42 Jahre alte Tierarzt war wie Seewald mit der großen Auswanderungswelle in den 90er-Jahren nach Deutschland gegangen, fasste dort aber nie richtig Fuß. Jetzt beackert er eine ganze Reihe von Geschäftsfeldern, ist Vertriebspartner für deutsche Mittelständler, die in Kasachstan Heizkessel, Duschanlagen oder Gasboiler verkaufen wollen, betreibt in Astana ein Hotel, handelt mit Immobilien und ist seit Kurzem auch Landwirt. Vor den Toren von Astana hat er 500 Hektar Land gepachtet, baut Tomaten, Gurken und Kartoffeln an.

Kirol, der lieber Russisch als Deutsch spricht, hat kein Problem zuzugeben, dass er in Kasachstan einfach besser klarkommt: „In Deutschland herrscht große Konkurrenz, da gibt es Millionen gut ausgebildete Arbeitslose – mit denen kann ich nicht mithalten.“ In Kasachstan kenne er sich aus. Kirol hat seinen Wohnsitz wieder von Deutschland in die alte Heimat verlegt, er hat eine kasachische Aufenthaltsgenehmigung. Seine erwachsenen Töchter studieren in Berlin. Er selbst hat in Kasachstan eine zweite Familie gegründet.

Die Familienbande sind für viele Kasachstan-Deutsche sehr wichtig. Auch für Olga Lunevski. Weil die ganze Familie nach Deutschland wollte, ging sie mit. Acht Jahre lebte sie mit ihrem Mann und den zwei Kindern in Münster. Vor wenigen Wochen ist sie nach Usynagach, ihren Geburtsort im Süden Kasachstans, zurückgekehrt. Olgas Mann ist Kasache, seine Eltern waren in Kasachstan geblieben. Als jüngster Sohn ist er traditionsgemäß verpflichtet, sich bis zu deren Tod um die Eltern zu kümmern. „Hier gibt man die Eltern nicht ins Altenheim, das ist unvorstellbar“, sagt Olga. Sie ging mit ihrem Mann zurück.

Als eine Art Entschädigung hat der Schwiegervater ihr einen kleinen Lebensmittelladen gekauft. Erst verkaufte Olga hier selbst, jetzt hat sie schon eine Angestellte. Bald soll ein zweiter Laden dazukommen. Olga hat in Deutschland Hartz IV bezogen und nie richtig Deutsch gelernt, „weil rundherum nur Ausländer wohnten“. Sie empfindet die Rückkehr als sozialen Aufstieg. „In Deutschland wäre es mir kaum möglich gewesen, einen eigenen Laden zu eröffnen.“

Bei den Landsleuten, die in Kasachstan bleiben mussten, weil ihre Ausreise nicht genehmigt wurde, sind die Rückkehrer hoch angesehen – allein deshalb, weil sie in Deutschland gelebt haben. Alexander Dederer ärgert sich über diese Glorifizierung Deutschlands. Er ist der Chef von „Wiedergeburt“, der Organisation der deutschen Minderheit in Kasachstan. Er sei dankbar für die Unterstützung, die aus Deutschland kommt, sagt er. „Trotzdem bleibt das Gefühl, wir seien nur Deutsche dritter Klasse.“ Die Rückkehrer sind keine Massenbewegung, auf die Feststellung legt Dederer wert. Viele Kasachstan-Deutsche seien in Deutschland gut integriert. Wie viele von ihnen dauerhaft in die alte Heimat zurückkehren, kann er nicht sagen. Etwa 200 im Jahr könnten es sein, schätzt die deutsche Botschaft in Astana.

Vermutlich sind es noch einige mehr, denn nicht alle melden sich bei den deutschen Behörden ab. Auch Andreas Seewald, Paul Kirol und Olga Lunevski haben den deutschen Pass behalten. Sie wissen, dass das autokratisch regierte Kasachstan politische Unsicherheiten birgt. Da ist der deutsche Pass eine Rückversicherung.

Berliner Zeitung, 28.09.2011