12.000 Kilometer haben vier Deutsche mit dem Auto zurückgelegt, um am 1. August die Sonnefinsternis zu erleben, in einer menschenleeren Gegend im kasachischen Altai

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„Wir richten uns am Freitag von Sonnenaufgang an auf ein langes Frühstück mit Sekt und Lachs ein,“ scherzt Matthias Fanck, „und dann warten wir einfach ab, wann die Sonnenfinsternis los geht.“ Wann genau das sein wird, weiß Fanck noch nicht. „Niemand hier konnte uns genaues über den Ablauf der Sonnenfinsternis sagen.“ Hier – das ist am Ufer des Yasowoy-Sees im kasachischen Altai, die Belucha, den mit 4506 Metern höchsten Berg des Altai im Blick, eine menschenleere Gegend, wo man selbst in der Urlaubszeit Tage lang keinem Menschen begegnet.Dass der Tag, für den Fanck und seine drei Weggefährten seit fast zwei Monaten unterwegs sind, nun so unspektakulär und ungeplant verlaufen soll, mag man fast nicht glauben. Aber nach 12.000 Kilometern, die die vier Deutschen per Auto hinter sich gelassen haben, hat sich bei ihnen offensichtlich auch eine gehörige Portion Gelassenheit eingestellt.

Matthias Fanck und sein Sohn Milan aus Franken, Ulrike Knappen von den Driesch und ihr Mann Beda von den Driesch aus Mainz sind Anfang Juni mit ihren zwei Allradfahrzeugen in Franken aufgebrochen. Das Ziel der Reise stand von Anfang an fest – der kasachische Altai, im äußersten nordöstlichen Zipfel von Kasachstan. Denn hier wollen sie am 1. August mit eigenen Augen sehen, wie die Erde für etwa zwei Minuten im Kernschatten des Mondes verschwindet.

Wenn sich am Freitag der Mond zwischen Erde und Sonne schiebt, wird das nur zwischen Arktis, Sibirien und China als totale Sonnenfinsternis zu erleben sein. In Mitteleuropa dagegen – gutes Wetter vorausgesetzt – ist lediglich eine partielle Sonnenfinsternis zu sehen.

Auch Nowosibirsk bereitet sich in diesen Tagen auf die Sonnenfinsternis vor, hunderte von Touristen reisen derzeit in die südsibirische Stadt, um das Naturschauspiel life zu erleben und zu feiern – für viele ein willkommener Anlass für eine Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn.

Für Matthias Fanck und seine Mitreisenden kam diese Variante jedoch nicht in Frage. Sie sind begeisterte Auto-Fans – lange Strecken selbst zu fahren, das ist für sie die wahre Herausforderung. Und warum nach Russland fahren, wenn es noch exotischer geht? Von Hof in Franken ging es für die vier nach Polen und in die Ukraine, dann nach Russland und am Kaspischen Meer vorbei nach Kasachstan, weiter nach Usbekistan und wieder zurück nach Kasachstan.

Die Reise durch den nahezu unbekannten Osten hielt für die Deutschen so manche Überraschung bereit. Die Wüste auf der Halbinsel Mangyschlak östlich des Kaspischen Meeres, wo es manchmal Monate lang nicht regnet, stand unter Wasser. Starke Regenfälle hatten den lehmigen Boden so aufgeweicht, das die beiden Allradfahrzeuge, mit denen die vier unterwegs sind, knietief im Schlamm steckten und nur mit Mühe über die unbefestigten Pisten zu lenken waren – asphaltierte Straßen gibt es in dieser Gegend nicht.

Hier auf Mangyschlak waren die Deutschen aber auch besonders von der Herzlichkeit der Menschen überrascht. In Shopan-Ata, einer Pilgerstätte für die kasachischen Muslime, bekamen sie eine Gratis-Führung von einem pilgernden Zahnarzt. „Dass die Leute dort uns Christen so selbstverständlich aufgenommen haben, war erstaunlich,“ so der 19jährige Milan Fanck, der gerade Abitur gemacht hat und die letzten Ferien vor Beginn des Zivildienstes gemeinsam mit seinem Vater verbringt.

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Alle vier waren besonders vom Anblick des ausgetrockneten Aralsees beeindruckt. „Vom südlichen Steilufer konnten wir die ausgedörrte Ebene sehen, die einst mehrere Meter tief unter Wasser stand – ein beeindruckendes Bild, aber auch sehr deprimierend,“ so Matthias Fanck.

Probleme, als Individualreisende durch Zentralasien zu fahren, hatten die Deutschen nicht, obwohl in den südlichen GUS-Ländern so viel Reise-Freiheit noch manchmal auf Skepsis stößt. Am Grenzübergang von Usbekistan nach Kasachstan wollten sich ein paar korrupte Grenzbeamte die sprachlichen Schwierigkeiten und die Unsicherheit der Reisenden zunutze machen und den „üblichen Wegezoll“ verlangen, um den Schlagbaum zu öffnen. Mit Gelassenheit und Geduld saßen die Reisenden aber auch dieses Hindernis aus und passierten die Grenze schließlich ohne inoffizielle Abgabe.

Dass die Reisenden ohne größere Verluste überpünktlich an ihrem Ziel angekommen sind, ist sicher auch der akribischen Tour-Planung zu verdanken gewesen. Über ein Jahr vorher hatten die vier mit der Planung begonnen – uns sogar eine gemeinsame Test-Fahrt nach Polen unternommen. Matthias Fanck und Beda von den Driesch, beide selbständig, konnten sich die knapp viermonatige Auszeit vom Job selbst nehmen, die einzige Frau der Reisegemeinschaft bekam die Zeit von ihrem Arbeitgeber als Sabbatical genehmigt.

Trotz Sandstürmen, die dem Zeltaufbau des von-den-Driesch’en Hyundai fast den Garaus bereiteten, gelegentlichen Diesel-Engpässen und so mancher, dem zentralasiatischen Essen geschuldeten Unpässlichkeit waren die vier Deutschen nicht von ihrem Weg abzubringen.

Selbst wenn die Sonnenfinsternis am Freitag von Wolken verdeckt sein sollte, werden sie ihre Tour als vollen Erfolg verbuchen. Und immerhin ist dann erst die Hälfte der Reise vorbei, noch einmal liegen etwa 10.000 Kilometer für den Rückweg vor ihnen.

Das Frühstück der vier Deutschen am Yasowoy-See wird am Freitag übrigens ein sehr langes werden – im Altai wird die Sonnenfinsternis erst am Nachmittag, gegen 16 Uhr zu sehen sein.