Im April stand Zentralasien einige Tage lang im Mittelpunkt der internationalen Berichterstattung – schlimmstmöglich. Der Attentäter, der am 3. April in der Metro in St. Petersburg eine Bombe zündete und 15 Menschen in den Tod riss, kam aus Osch in Kirgistan. Der Lkw-Fahrer, der nur vier Tage später mit einem Lastwagen durch die Fußgängerzone Drottninggatan in Stockholm raste und dabei fünf Menschen tötete stammte aus Samarkand in Usbekistan.

Zentralasien als Brutstätte islamistischer Terroristen, das ist nicht die Aufmerksamkeit, die die Region verdient. Doch Armut, Arbeitslosigkeit und die repressive Politik in der Heimat, Flucht in Religion und Enttäuschung am vermeintlichen Ziel aller Träume in Russland zusammen mit der „stigmatisierenden Erfahrung von Migration“, wie OpenDemocracy schreibt, führten wohl dazu, dass ausgerechnet Arbeitsmigranten aus Zentralasien zu Tätern wurden. Die Analyse der Anschläge von St. Petersburg und Stockholm läuft noch. Was bleibt, ist die Gewissheit, dass Zentralasien eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt im internationalen Terrorismus. Die Präsidenten der Länder sind in der Pflicht, das zu akzeptieren. Die Antwort darf allerdings keine noch größere Repression sein. Die Menschen brauchen in ihrer Heimat bessere Perspektiven.

Kasachstan macht Russland Arbeitsmigranten abspenstig

Seit 2011 hat sich die Zahl zentralasiatischer Arbeitsmigranten in Kasachstan auf eine Million verdoppelt, wie das kasachische Magazin Exclusive recherchierte. Statt nach Russland kämen viele Usbeken, Kirgisen oder Tadschiken mittlerweile lieber in das wirtschaftlich besser gestellte Land in der Nachbarschaft. Die Gründe dafür: Kasachstan ist näher an der Heimat, zudem sei der tägliche Rassismus hier weniger ausgeprägt.

Radikalisierung habe in Kasachstan keine Chance, so die Botschaft des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew nach den Anschlägen von St. Petersburg und Stockholm. Deshalb forderte er kurzerhand ein Verbot von Bärten, kurzen Röcken und Ganzkörper-Verschleierungen in Schwarz. „Das entspricht nicht unserer Tradition oder unserem Volk“, sagte er bei einem Treffen mit muslimischen Geistlichen. Noch ist der Vorschlag kein Gesetz, er könnte aber bald eines werden.

Bereits umgesetzt ist dagegen die staatliche Erhöhung der Diäten kasachischer Parlaments-Abgeordneter auf rund eine Million Tenge (rund 3.000 Dollar) im Monat – fast das Doppelte, wie zuvor. Nur zufällig erfuhren Journalisten, dass die neuen Gehälter bereits ab 1. März gezahlt werden. Die Empörung in sozialen Netzwerken war enorm – kein Wunder bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 140.000 Tenge (rund 450 Dollar).

Lateinisch statt Kyrillisch?

Am meisten diskutiert wurde jedoch der Vorschlag Nasarbajews, die kasachische Schrift vom derzeit kyrillischen auf das lateinische Alphabet umzustellen. Kasachstan ist eine der letzten Ex-Sowjetrepubliken, in denen die Umstellung nach der Unabhängigkeit bisher nicht vollzogen wurde. Jetzt soll das bis 2025 geschehen. Es wird bereits an einem neuen Alphabet gearbeitet.

Казахские лингвисты начали работу по переходу на латиницу

Posted by Radio Azattyq on Dienstag, 18. April 2017

 

Gegner des Plans sagen „zu teuer“ und „populistisch“, Befürworter dagegen, „höchste Zeit“ und „Emanzipation von Russland“. Ein lesenswertes Interview von Radio Svoboda mit dem kasachischen Politologen Aidos Sarym – der für die Änderung ist – greift ziemlich viele Aspekte auf und erklärt, worum es wohl tatsächlich geht.

Außerdem wurde in Kasachstan der Gewerkschaftler Nurbek Kushakbayev zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Er hatte im Dezember 2016 streikende Arbeiter im Westen Kasachstans unterstützt. – Und die Untersuchungshaft von Zhanbolat Mamay, Chefredakteur der mittlerweile eingestellten Zeitung Tribuna/Sayassi-Kalam, wurde am 28. April nochmals bis zum 10. Juni verlängert. Mamay war am 10. Februar verhaftet worden, vorgeworfen wird ihm Geldwäsche.

Внимаю всех СМИ. А в частночти радио Азаттык и блогеров. Вчера Zhanbolat Mamay продлили срок ареста до 10го июня. Верхов…

Posted by Асхат Берсалимов on Freitag, 28. April 2017

Mehrere Dauerbrenner in Kirgistan

Wie Gastarbeiter aus Kirgistan in Russland tatsächlich leben, mit welchen Schwierigkeiten und Vorurteilen sie Tag für Tag zu kämpfen haben, weshalb sie sich entwurzelt fühlen und was sie schließlich unter Umständen auch in die Radikalisierung treiben kann, das zeigen die beiden Filmemacher Franco Galdini und Chingiz Narynov eindrucksvoll im Dokumentarfilm „Moskaus kleines Kirgistan“ – ein Muss für jeden, der Zentralasien verstehen will.

Brautraub im Comic

In sozialen Netzwerken in Kirgistan ging jetzt eine Serie von Animationsfilmen des Künstler-Ehepaars Tatyana Zelenskaya und Egor Tankov viral. Die beiden erzählen fünf Geschichten von fünf ganz unterschiedlichen kirgisischen Frauen, die sich so hundert- wenn nicht tausendfach immer wieder wiederholen. – Die Clips sind zur Aufklärung gedacht und als Ermutigung an junge Frauen, sich der scheinbaren Gesetzmäßigkeit zu widersetzen, die sie aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen dazu zwingen will, bei der Familie des Mannes zu bleiben, der sie entführt hat.

Brautraub ist entgegen der landläufigen Meinung keine uralte, wiederbelebte kirgisische Tradition, sondern vielmehr Ausdruck der desolaten wirtschaftlichen Verhältnisse in Kirgistan. Tatsächlich ist er sogar gesetzlich verboten! – Junge Männer kidnappen Frauen und Mädchen, um sie innerhalb weniger Stunden nach islamischem Recht zu heiraten. Manchmal ist der Brautraub zwischen beiden vorab abgesprochen, um die Eltern vor vollendete Tatsachen zu stellen. Viel häufiger aber ist dies der Beginn eines Albtraums für die jungen Frauen, die ihren künftigen Ehemann bis dahin oft nur flüchtig oder gar nicht kannten – so wie bei Begaim, der jungen Kirgisin mit cooler Sonnenbrille in London, die den Geruch von Pfefferminz-Kaugummi nicht mehr ertragen kann, seitdem sie ….

Kämpfe an der Grenze von Tadschikistan und Afghanistan

Im Nordosten Afghanistans gewinnen die Taliban immer stärker an Boden. Kürzlich wurden nach Auseinandersetzungen mit Taliban und IS-Kämpfern sogar verletzte afghanische Sicherheitskräfte in das Krankenhaus von Ishkashim im benachbarten Tadschikistan eingeliefert.

Die Bevölkerung im Autonomen Gebiet Gorno-Badakhshan, das zu Tadschikistan gehört, ist sehr beunruhigt über diese Entwicklungen im Grenzgebiet zu AfghanistanDuschanbe allerdings schweigt dazu.

Stattdessen erreichen immer absurdere Meldungen die Öffentlichkeit, wie Tadschikistan radikalislamistischen Terror bekämpfen will: Laut RFE/RL wurden Kinder in tadschikischen Schulen dazu aufgefordert, den Lehrern zu melden, wenn sich ihre in Russland arbeitenden Väter oder Brüder plötzlich veränderten, religiöser würden und sich möglicherweise radikalislamistischen Gruppen anschließen könnten.

Die Ein- und Ausfuhr von Büchern wurde verboten. Weil die Behörden Angst vor radikalen Schriften in Arabisch haben, Fremdsprachen aber nicht unterscheiden können, wurde kurzerhand jegliche Literatur unter Registrierungspflicht bei der Ein- und Ausreise gestellt.

Außerdem dürfen Neugeborene künftig nur noch entsprechend der Vorgaben aus dem „Register nationaler Vornamen“ benannt werden. 3.000 Namen stehen zur Verfügung. Verboten sind Pflanzen- und Tiernamen, wie beispielsweise Gurgali, das sich aus Gurg (Persisch für Wolf) und Ali (Name des ersten Imams der Schiiten) zusammensetzt. Darüber hinaus verboten sind Anhänge für muslimische Würdenträger wie Mulloh, Khalifa oder Sufi. Auch das soll zu starke religiöse Bezüge im Alltag unterbinden.

Auf dem Basar im tadschikischen Ishkashim treffen Afghanen und Tadschiken regelmäßig aufeinander

Nachfolgeregelungen

Tatsächlich mangelt es der tadschikischen Führung an einer klaren Strategie, wie islamistischem Terror zu begegnen ist. Durch seine geographische und kulturelle Nähe zu Afghanistan ist Tadschikistan für den Einfluss radikaler Gruppen besonders gefährdet. Mehrfach hatten sich in den letzten Monaten hohe Staatsbedienstete und Militärs aus Tadschikistan IS-Truppen in Syrien angeschlossen.

Der unabhängige tadschikische Politologe Zafar Abdullayev lieferte jüngst mit einer Analyse für das Informationsnetzwerk cabar.asia einen größeren Kontext zur politischen Entwicklung Tadschikistans – und für das, was die Regierung in Duschanbe derzeit offenbar mehr bewegt. Offiziell gibt es in Tadschikistan bisher keine Nachfolgeregelung für die Zeit nach Emomali Rahmon. Der 64-jährige Präsident regiert das Land seit 1992.

Abdullayev zeigt Optionen auf – und, dass die Weichen scheinbar längst gestellt sind. Wichtigster Hinweis dafür sei die Abberufung von Makhmadsaid Ubaidulloyev als Bürgermeister von Duschanbe. Ubaidulloyev ist nach wie vor Vorsitzender des Majlisi Milli des tadschikischen Parlaments (Das Majlisi Milli ist das Oberhaus oder die Nationalversammlung und bildet mit dem Majlisi Namoyandagon, Unterhaus und durch Parlamentswahlen besetzte Repräsentantenversammlung, das Majlisi Oli, das Zweikammernparlament Tadschikistans.). Damit ist Ubaidulloyev laut Verfassung zweiter Mann im Staate. Doch scheint auch diese Position zu wackeln, Ubaidulloyev sei längst zum „gewöhnlichen Sterblichen“ degradiert worden, so Analyst Abdullayev.

Alles deute darauf hin, dass Rustam Emomali, ältester Sohn des Präsidenten, die politische Karriere – und damit der Weg hin zur Nachfolge seines Vaters – geebnet werden solle. Abdullayev hatte in seiner Analyse im März diese Ereignisse noch vorweggenommen. Tatsächlich wurde der Präsidentensohn am 18. April Abgeordneter des Stadtparlaments von Duschanbe und gleichzeitig zu dessen Vorsitzenden gewählt.  – Der Weg ins nationale Parlament ist von dort nicht mehr weit.

Personalrochade in Turkmenistan

Yagshygeldi Kakayev, langjähriger Vize-Premierminister für den Öl-und Gas-Sektor und damit einer der wichtigsten Staatsbeamten Turkmenistans, wurde gefeuert.  Doch selbst Kakayev, der als ausgesprochen loyal und staatstreu galt, hatte Turkmenistan nicht vor Turbulenzen durch die anhaltend niedrigen Rohstoffpreise bewahren können. Weil er das Unmögliche nicht machbar machte, musste er jetzt gehen.

Das Scheitern der turkmenischen Wirtschaftspolitik müssen weiterhin Angestellte und einfache Bürger in Turkmenistan ausbaden. Mit „freiwilligen Spenden“ und Gehaltskürzungen um 15 bis 20 Prozent sollen die Turkmenen beispielsweise die im September anstehende Asiade für Indoor-Sportarten und Martial Arts finanzieren. – Turkmenistan laufe Gefahr, zu einem zweiten Venezuela zu werden, so Forbes Russland – ein reicher Ölstaat mit allen Optionen, der innerhalb weniger Jahre durch Korruption und Veruntreuung staatlicher Milliarden in den Ruin gewirtschaftet wurde und nun kurz vor dem Kollaps stehe.

Dennoch verehrt das Volk seinen Präsidenten. Natürlich. Ohne Zweifel. Weiterhin. Und zeigte das anlässlich des Tages des Präsidenten mit teuren Geschenken, darunter sieben Achal-Tekkiner, eine der ältesten Pferderassen der Welt, die bestens an das turkmenische Wüstenklima angepasst ist. Jeweils ein Exemplar kam aus den fünf Verwaltungsgebieten, eines von den turkmenischen Streitkräften und eines vom Verband der Pferdezüchter. Das am selben Tag veranstaltete Pferderennen, an dem auch Gurbanguly Berdimukhamedov persönlich teilnahm, gewann der Präsident. Selbstredend.

Прездиент Туркменистана получил семь коней в подарок и победил…

Президент Туркменистана получил семь коней в подарок и победил на скачкахhttp://www.chrono-tm.org/2017/04/prezdient-turkmenistana-poluchil-sem-koney-v-podarok-i-pobedil-na-skachkah-video/

Posted by Хроника Туркменистана on Samstag, 29. April 2017

Politische Rehabilitierungen in Usbekistan

Wiederaufnahme der Flugverbindung zwischen Taschkent und Duschanbe, die … tja, die wievielte nun eigentlich? Am 11. April flog Uzbekistan Airways erstmals seit 25 Jahren wieder auf der Strecke zwischen Usbekistan und Tadschikistan. Der Linienverkehr mit zwei Flügen in beide Richtungen pro Woche scheint seitdem zu funktionieren. Nur die tadschikische Fluglinie durfte bisher noch nicht in Taschkent landen. Bleiben Sie dran!

Viele warten auf politisches Tauwetter in Usbekistan, seitdem Schavkat Mirziyoyev im Dezember 2016 zum Präsidenten gewählt wurde. Mirziyoyev hat bereits einige politische Rehabilitierungen vorgenommen. Zu den unter Karimow in Ungnade gefallenen und jetzt wieder in den Staatsdienst zurückgekehrten Beamten gehören unter anderem Abdullah Aripov und Rustam Kholmatov. – Aripov war von 2002 bis 2012 Vize-Premier und über den Korruptionsskandal um den russischen Mobilfunk-Anbieters MTS gestolpert, in den auch Karimow-Tochter Gulnara verwickelt war. Kurz nach Karimows Tod holte Mirziyoyev ihn erneut als Vize-Premier in die Regierung zurück. Kholmatov war früher Hakim des Gebietes Taschkent und 2013 wegen Veruntreuung inhaftiert worden. Nun wurde er im April zum Vize-Khokim des Gebietes Jizzakh, der Heimat Mirziyoyevs, ernannt.

Die Entscheidungen heißen allerdings nicht zwingend, dass Mirziyoyev einen anderen innenpolitischen Kurs einschlägt, als sein Vorgänger und politischer Ziehvater Islam Karimov. Es kann auch schlicht Nepotismus bedeuten und dass Mirziyoyev seine eigenen Anhänger, Freunde und ihm irgendwie verpflichtete Interessenwahrer auf entsprechenden Posten unterbringt.

Und sonst?

Über Russlands Interessen in Zentralasien wird häufig spekuliert. Eine lesenswerte Analyse dazu liefert die Plattform The Bishkek Project. Dort wird die These vertreten, dass die Interessen Russlands in Zentralasien deutlich variieren – je nachdem ob es sich selbst in einer Fragestellung als außenstehend oder beteiligt betrachtet.

Vor demselben Hintergrund ist übrigens auch das Buch „Dictators without Borders“ von Alexander Cooley und John Heathershaw zu empfehlen. Hier geht es um das Selbstverständnis, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der fünf zentralasiatischen Länder. Im Majlis Podcast von RFE/RL gab es dazu eine lebhafte Diskussion unter Beteiligung der Autoren.

Dictatorland: Blamage für die BBC

Und zu guter Letzt hat sich die ehrwürdige BBC in Zentralasien ziemlich blamiert. Der 26-jährige britische Journalist Benjamin Zand hat sich für drei Kurz-Dokumentationen wagemutig in echte Diktaturen gewagt, nach Kasachstan, Tadschikistan und Belarus – Expeditionen ins Reich des Bösen, investigativ recherchiert, möglich nur unter großem persönlichen Risiko, nicht als westlicher Reporter enttarnt zu werden. – So zumindest wurde die BBC-Serie „Dictatorland“ der Öffentlichkeit verkauft.

„Es gibt einige grundsätzliche Probleme bei Konzept und Dreh der Dokumentation, beginnend bei der Objektivität, über die Ausstrahlung und ethische Belangen bis zur Sinnhaftigkeit“, fasst The Diplomat die Kritik an der Serie zusammen. Leider sind die Filme tatsächlich ein Konvolut von Vorurteilen, mit mangelnder journalistischer Sorgfaltspflicht und fehlender Verantwortung gegenüber lokalen Protagonisten, die unnütz in Gefahr gebracht wurden, das alles für eine oberflächliche und an Quoten ausgerichtete Story. Wahrlich, kein Meisterwerk, liebe BBC!