Berliner Zeitung, 31.03.2011

In Kasachstan wehren sich unabhängige Gewerkschaften gegen die Kungelei von Präsident Nasarbajew mit ausländischen Konzernen

An diesen Junitag vor zwei Jahren erinnert sich Sergej Moskaljuk noch genau. Er war auf Schicht in der Tentekskaja-Grube und verlud 400Meter unter Tage mit einem Kollegen Kohle, als das Methangas explodierte. Plötzlich waren sie von Staub und Rauch umhüllt, sie verloren das Bewusstsein. „Ich wachte als Erster auf, hab‘ mir den andern geschnappt, und wir sind raus aus dem Schacht“, erzählt der 28-Jährige. Sechs Kilometer liefen sie die Stollen entlang, steil bergauf in Richtung Ausgang. Drei Kollegen starben bei der Explosion. Am nächsten Tag meldete sich Sergej wieder zur Schicht: „Ich hatte Angst vor einer Kündigung.“

Immer wieder schwere Unfälle

Die Heimat von Sergej Moskaljuk ist Schachtinsk, ein Industriegebiet im Zentrum von Kasachstan, entstanden in den 1930er-Jahren, als Stalin Tausende in die kasachische Steppe verbannte und mit dem Abbau von Steinkohle und Eisenerz beauftragte. Kasachstan gehört heute zu den zehn größten Kohleproduzenten der Welt, doch die Kohlegruben von Schachtinsk sind berüchtigt. Unfälle ereignen sich in den mit veralteter Technik ausgestatteten Gruben regelmäßig. 2006 starben 41 Kumpel bei einer Explosion im Lenin-Schacht, 30weitere 2008 im Abai-Schacht.

Die Kohlegruben wurden 1995 vom indischen Konzern Arcelor Mittal übernommen, einem der größten Stahlproduzenten weltweit. Der betreibt mit der Kohle aus Schachtinsk ein Stahlwerk in Kasachstan, produziert etwa vier Millionen Tonnen Rohstahl pro Jahr. Heute ist Arcelor Mittal der größte Arbeitgeber in Zentralkasachstan.

Und diese Stellung nutze der Konzern aus – auf Kosten der rund 9000 Kohlekumpel, sagt Sergej Moskaljuk. Seit dem Unfall kann der untersetzte junge Mann mit dem runden, offenen Gesicht nicht mehr arbeiten. Er kümmert sich um die zwei Töchter. Seine Frau verdient jetzt das Geld. Wenn die Kinder mit Geschrei in der kleinen Wohnung herumtollen, wird Sergej schnell ungehalten, sein Kopf halte das nicht aus, sagt er. Bis heute leidet er unter Schwindelgefühl, Kopfschmerzen, Konzentrationsschwäche. Er hat Panikattacken.

Posttraumatische Belastungsstörung, würde die Diagnose wohl lauten. Doch Sergej wurde direkt nach der Explosion nicht einmal ärztlich untersucht. Zehn Tage versuchte er, ganz normal weiterzuarbeiten, dann ging es nicht mehr.

Weil die Betriebsärztin ihn nicht krankschreiben wollte, wandte er sich an Natalja Tomilowa. Die rundliche 52-Jährige – stets in Rock und hochhackigen Schuhen unterwegs – ist die gute Seele der Kumpel von Schachtinsk. Sie hat selbst Mann und Schwager bei Explosionen im Lenin-Schacht verloren. Deshalb hat sie die „Bergarbeiter-Familie“ gegründet, eine alternative Gewerkschaft, mit der sie für die Rechte der Kumpel in Schachtinsk kämpft. Zwar gebe es eine offizielle Gewerkschaft, in die jeder Kumpel eintreten müsse, sagt sie. Doch die vertrete die Interessen des Arbeitgebers.

Für Sergej Moskaljuk erwirkte Tomilowa die Krankschreibung und etwa 400 Euro Krankengeld, das sind 70 Prozent seines Gehalts. Ein kasachisches Durchschnittseinkommen. Schmerzensgeld zahlt Arcelor Mittal bist heute nicht. 15000 Dollar stünden Sergej zu, sagt Tomilowa, „aber die Firma ist in Revision gegangen. Sie hält auch das noch für zuviel.“

Tomilowa hat in ihrem Kampf auch die lokalen Behörden gegen sich. Diese erhielten Schmiergelder des Großkonzerns und verschleierten im Gegenzug dessen Gesetzesverstöße, sagt Tomilowa. „Wenn wir die Stadtverwaltung auf die mangelnde Sicherheit in den Schächten ansprechen, heißt es nur: Das ist ein privates Unternehmen, in dessen interne Angelegenheiten mischen wir uns nicht ein.“

Wer damit ankündigt, die Verletzungen des Arbeitsschutzes öffentlich zu machen, oder wer gar sein Recht vor Gericht einklagt, wird mit Kündigung bedroht wie der 26-jährige Alexander Tschumakow. Er hatte sich im Schacht einen schweren Knochenbruch zugezogen. Die Ärzte sprachen von einer leichten Verletzung, doch nach mehreren Wochen kann Alexander immer noch nicht laufen. Auch sein Vater, der ebenfalls in der Grube arbeitet, bangt nun um seinen Job. „Ich habe noch ein paar Jahre bis zur Rente,“ sagt er. „Ich kann einfach nicht riskieren, arbeitslos zu sein.“

Auch Natalja Tomilowa lebt mit der Bedrohung. Ihr Auto und ihre Garage wurden niedergebrannt. Jetzt sei auch der Vermieter des Büros unter Druck gesetzt worden, sie vor die Tür zu setzen, berichtet sie. „Die Stadt behält uns stets im Auge, um zu kontrollieren, was wir tun.“

Tomilowa kämpft für die Kumpel auch vor Gericht, denn Gesetze, die Arbeitnehmer schützen, gibt es auch in Kasachstan. „Sie werden nur nicht angewandt – mit Billigung der Regierung“, erklärt sie.

Denn der kasachische Staatschef Nursultan Nasarbajew hofiert die Konzerne, weil erst mit ihren Investitionen die Ressourcen des Landes einen Platz auf dem Weltmarkt gefunden haben. Der Präsident, letzter Chef der kasachischen Kommunistischen Partei in Perestroika-Zeiten und seit 20 Jahren im Amt, will sich am Sonntag bei vorgezogenen Neuwahlen im Amt bestätigen lassen. Dass er gewinnt, gilt als sicher. Denn ihm und seinen Reformen, so die weitläufige Meinung in Kasachstan, ist der wirtschaftliche Aufschwung des Landes zu verdanken.

Nasarbajew, selbst ehemaliger Stahlkocher, ist heute ein Mann des Großkapitals. Seine Familie hält milliardenschwere Beteiligungen an den größten kasachischen Staatskonzernen. Die Macht des Präsidenten beruht auf einem System aus Vetternwirtschaft, Willkür und Angst, das bekommen auch die Kumpels in Schachtinsk zu spüren. Zum Bedauern von Natalja Tomilowa ist den Bergarbeitern aber nur schwer zu vermitteln, dass es an ihnen selbst liegt, die Situation zu ändern. „Die Regierung in diesem Land vertraut seit 20 Jahren darauf, dass die Leute nicht verstehen, was ihre eigene Lage mit Politik zu tun hat. Die Leute denken, Nasarbajew wisse nur nicht, was hier vorgeht, sie sehen nicht, dass seine Politik darauf aufbaut, uns zu täuschen.“

Die Ölarbeiter streiken schon

Tomilowa sieht sich nicht nur als Rechtsbeistand der Kumpel, sondern auch als Aufklärerin. Mit ihrer „Bergarbeiter-Familie“ will sie Mitglied in der unabhängigen, offiziell noch nicht zugelassenen Gewerkschaft Zhanartu werden. Unter diesem Dach, hofft sie, werde sie ihre Organisation besser vernetzen und schließlich ihre Männer zum Arbeitskampf bewegen können.

In den Ölfeldern am Kaspischen Meer haben die Arbeiter bereits den Streik für sich entdeckt. Im November vergangenen Jahres protestierten dort, im Westen Kasachstans, Hunderte gegen niedrige Löhne und fehlenden Arbeitsschutz. Obwohl schon mehrere Gewerkschaftsführer verhaftet und sogar ermordet wurden, lässt sich Tomilowa von den Drohungen nicht abschrecken. „Von den Ölarbeitern können unsere Kumpel hier noch einiges lernen“, sagt sie. Einen Streik initiieren wolle sie allerdings nicht: „Zu der Erkenntnis müssen die Kumpel schon selber kommen.“