© Deutschlandradio Kultur, Ortszeit, 15.06.2010

von © Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 23.08.2010, 14:00 min

Tadschikistan galt lange als stabiler Pufferstaat zum südlichen Nachbarn Afghanistan. Die 1300 Kilometer lange gemeinsame Grenze war unter den Sowjets hermetisch abgeriegelt. Anders heute: Vier neue Grenzpunkte sind eröffnet, der Handel zwischen beiden Ländern blüht – mittlerweile ist Tadschikistan sechstgrößter Exportpartner Afghanistans.

Es kommen auch immer mehr Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet hierher, denn das Land ist sicherer als das vom Bürgerkrieg geschüttelte Pakistan und weniger restriktiv als der Iran. Und auch der Drogenhandel blüht: Rund 20 Prozent der afghanischen Opium- und Heroinproduktion werden über Tadschikistan exportiert, mehr als 67 Tonnen Drogen wurden hier in den letzten zehn Jahren beschlagnahmt.

Der Grenzübergang Nishny Pjansch zwischen Afghanistan und Tadschikistan. Auf der tadschikischen Seite des Grenzflusses Pjansch ziehen sich von Drahtzäunen eingeschlossene Betonpisten durch die Wüste, dazwischen Wachtürme und Schranken mit Stoppschildern. Nishny Pjansch ist ein vom tadschikischen Militär verwaltetes Territorium, etwa fünf Fußballfelder groß und in der Mittagshitze fast menschenleer. Ein gelber Staubfilm hängt über dem Häuschen der Zollkontrolle. Die Brücke über den Pjansch, die Tadschikistan und Afghanistan seit zwei Jahren verbindet, ist von hier nicht zu sehen. Auf beiden Seiten des Zollhäuschens steht ein kurze Schlange von Fußgängern, großer Grenzverkehr sieht anders aus.

„Haben Sie Waffen dabei, Drogen oder irgendwelche Chemikalien?“

Wer von Afghanistan nach Tadschikistan kommt, wird von den Grenzern gründlich durchsucht – auch wenn der Röntgenapparat außer Betrieb ist und der Drogenspürhund zur Weiterbildung.

Vor allem afghanische Geschäftsleute mit Kurzzeitvisa passieren den Kontrollpunkt, Tadschiken wollen selten nach Afghanistan. Seit zwei Jahren kommen häufiger auch afghanische Flüchtlinge nach Tadschikistan, vor allem aus Nord-Afghanistan. Für sie ist Tadschikistan die nächstliegende Fluchtmöglichkeit vor den Taliban, die in den letzten Jahren immer weiter in den afghanischen Norden vorgedrungen sind und die Menschen mit Morden, Entführungen und Überfällen drangsalieren. Rund 4.500 Flüchtlinge waren im ersten Quartal dieses Jahres in Tadschikistan gemeldet.

Auch heute ist eine Flüchtlingsfamilie am Grenzübergang – nur wollen sie zurück nach Afghanistan. Der Vater führt das Wort, fünf Kinder verstecken sich hinter der Mutter. Ein Grenzbeamter will wissen, warum sie zurück wollen.

„Zeigen Sie mal Ihren Pass! Sind Sie wirklich Flüchtlinge?“ – „Ja, natürlich.“ – „Was wollen Sie denn da in Afghanistan?“ – „Wir müssen weiter in den Iran, eines unserer Kinder ist krank, es soll dort behandelt werden.“

Sechs Kinder hat die Familie, eines liegt krank im alten Lada, mit dem die Familie weiter in den Iran fahren will. Die Familie lebt seit ein paar Jahren in Tadschikistan, der Vater arbeitet als Automechaniker in Duschanbe, die Mutter kümmert sich um die Kinder. Weil im Iran eine bessere Behandlung für ihr krankes Kind möglich ist als in den Krankenhäusern von Tadschikistan, riskieren sie es, noch einmal nach Afghanistan zurückzukehren.

Zurück nach Afghanistan, und sei es auch nur für kurze Zeit, das kann sich Abdul Rakhmon Fotekhon nicht vorstellen. Er wurde in Afghanistan von Taliban verschleppt und ist ihnen nur knapp entkommen. Mit seiner Frau und den vier Kindern ist er deshalb nach Tadschikistan geflohen. Vor neun Monaten sind auch sie in Nishny Pjansch über die Grenze gekommen. Jetzt wohnen sie in Wakhdat, etwa 300 Kilometer von Nishny Pjansch entfernt, in einem Vorort der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe.

In einer fünfstöckigen Mietskaserne aus Sowjetzeiten hat die Familie eine Wohnung gefunden: zwei Zimmer, Küche, Bad. Die Fotekhons sind selbst ethnische Tadschiken, dank der gemeinsamen Sprache verstehen sie sich gut mit den Nachbarn. Dennoch lebt Abdul in ständiger Angst, dass sie von hier wieder weg müssen.

Erst vor Kurzem wollten die tadschikischen Behörden ihn und seine Familie nach Afghanistan zurückschicken. Dort jedoch fürchtet Abdul um sein Leben. Bei den afghanischen Präsidentschaftswahlen im August 2009 hatte er für die UNO gearbeitet, war Wahlhelfer in der Provinz Baghlan im Norden Afghanistans. Als er andere Afghanen über das Wahlprozedere informieren wollte, wurde er von Aufständischen verschleppt:

„Sie haben mich gefesselt, die Augen verbunden und sind mit mir weggefahren. Irgendwann haben sie mir die Augenbinde abgenommen, in einem dunklen Haus, ich wusste nicht, wo ich bin. Dann haben sie mich verhört, schrien mich an, ‚Warum arbeitest du für die Amerikaner, du bist Muslim‘, und begannen, mich zu schlagen.“

Die Aufständischen forderten 50.000 Dollar Lösegeld für Abdul – unmöglich, das zu bezahlen. Nach zwei Monaten konnte er fliehen, wurde auf der Flucht angeschossen, kam ins Krankenhaus. Wieder zu Hause wandte er sich an seine Vorgesetzten bei der UNO. Die Auskunft dort: Man könne ihn nicht schützen, er solle froh sein, am Leben zu sein. Für Abdul war danach klar, er musste weg aus Afghanistan. Über Masar-i-Sharif und Kunduz kamen sie schließlich nach Duschanbe, baten um Asyl.

Die Wohngegenden, die den afghanischen Flüchtlingen zugeteilt werden, haben im Vergleich zur Hauptstadt kaum Infrastruktur. Im Winter wird hier der Strom abgestellt, Wasser gibt es nur aus dem Aryk, einem Kanal auf der Straße. Auch der 18jährige Ikbaly Muhammad – ein schmächtiger Junge, der eher wie 14 aussieht – wohnt mit seinen Eltern und vier Geschwistern in einem maroden Plattenbau in Wakhdat. Sie sind im Februar aus Masar-i-Sharif nach Tadschikistan gekommen. Dort hatte die Familie ein eigenes Haus mit Hof und Garten.

Hier in Wakhdat müssen Ikbaly und seine Mutter mit Eimern Wasser vom schmutzigen Aryk durchs Treppenhaus hinauf in die Wohnung tragen, damit die Familie kochen und waschen kann:

„Das reicht jetzt für einen halben Tag. Wir trinken dieses Wasser auch, obwohl wir manchmal Magenprobleme haben, was sollen wir machen, es gibt kein anderes Wasser.“

Ikbalys Vater Muhammad Orif Ghul Muhammad hat in Afghanistan seine erste Frau und seine jüngste Tochter verloren: Sie wurden von Kriminellen ermordet. Zwar wurde der Mörder gefasst und auch zum Tod verurteilt, doch Verwandte kauften ihn frei. Drei Jahre lang kämpfte Muhammad um eine erneute Verurteilung, bis er selbst mit dem Tod bedroht wurde. Mit seiner zweiten Frau und den verbliebenen fünf Kindern entschied er sich, nach Tadschikistan zu fliehen.
Doch auch hier fühlt er sich nicht sicher.

Dass auch der tadschikische Staat korrupt und unterentwickelt ist wie Afghanistan, macht ihm Sorge:

„Ich vertraue dem tadschikischen Staat nicht. Sie kontrollieren nicht, wer da kommt, ist das ein Krimineller oder nicht. Zudem gibt es hier keine Arbeit, das Lebensniveau ist niedrig, es fehlt an Bildung – daraus könnten sich auch hier in Tadschikistan ernsthafte Probleme entwickeln.“

Muhammad will deshalb mit seiner Familie nur so lange in Tadschikistan bleiben wie nötig, sie wollen weg von hier, aber nicht zurück nach Afghanistan, sondern weiter nach Europa oder Amerika.

„Mir ist es egal, wo ich lebe, Hauptsache meine Familie und meine Kinder sind in Sicherheit, aber diese Sicherheit habe ich weder in Afghanistan noch in Tadschikistan.“

Denn Tadschikistan, die ärmste der Ex-Sowjetrepubliken, hat selbst mit existenziellen Problemen zu kämpfen. Das Land leidet seit Jahren unter einer maroden Wirtschaft und korrupten Politikern. Arbeitsplätze gibt es selbst für Tadschiken kaum – rund ein Fünftel der tadschikischen Männer verdingt sich deshalb als Gastarbeiter in Russland oder Kasachstan.

Für die in noch größerer Unsicherheit lebenden Afghanen aber ist Tadschikistan trotz der Armut attraktiv – man spricht dieselbe Sprache, das Land ist sicherer als das vom Bürgerkrieg geschüttelte Pakistan und weniger restriktiv als der Iran. Und Tadschikistan öffnet sich dem südlichen Nachbarn Afghanistan langsam, aber vorsichtig. Unter den Sowjets galt Tadschikistan als Bollwerk gegen Afghanistan, die 1.300 Kilometer lange Grenze war hermetisch abgeriegelt.

In den letzten zwei Jahren wurden nun zusätzlich zum Grenzübergang Nishny Pjansch vier weitere offizielle Grenzpunkte eröffnet. Der Handel zwischen den beiden Ländern blüht – mittlerweile ist Tadschikistan sechstgrößter Exportpartner Afghanistans. Für jährlich rund 25 Millionen US-Dollar bringen die Afghanen Produkte aus Afghanistan, Pakistan, Indien oder dem Iran nach Tadschikistan.

In Khorog, der Hauptstadt des autonomen Gebiets Gorno-Badakhshan im Osten Tadschikistans, ist jeden Samstag afghanischer Basar – direkt an der Brücke über den Grenzfluss Pjansch, auf einem Areal etwas kleiner als ein Fußballfeld. Punkt neun Uhr öffnen die tadschikischen Grenzer die Brücke und winken die afghanischen Händler durch, die – gebeugt unter mannshohen Tragegestellen – ihre Ware herbeischleppen. Für die Tadschiken ist der wöchentliche Basar ein Ereignis, bringen die Afghanen doch Teppiche, Stoffe, Schmuck oder Töpfe in einer Qualität mit, die es hier sonst nicht gibt – trotzdem wird um jeden Somoni gefeilscht.

Wie viele der Afghanen war auch ein Topfhändler lange unterwegs. Fünf Tage ist er zu Fuß vom afghanischen Faisabad hergelaufen, auf unwegsamen Bergpfaden, wo keine Autos fahren:

„Was bleibt uns anderes übrig, als zu laufen? Aber hier hat man einen größeren Austausch mit den Tadschiken. Und man kann mehr Waren anbieten als bei uns.“

Der Aufwand lohnt sich für die Afghanen, denn die Tadschiken haben immer noch größere Kaufkraft als die Bewohner der entlegenen Bergdörfer auf afghanischer Seite. Gern würden beide Seiten den Basar häufiger betreiben. Doch die tadschikischen Behörden fürchten, den Grenzverkehr dann nicht mehr kontrollieren zu können. Denn die Öffnung Tadschikistans gegenüber seinem südlichen Nachbarn hat auch eine Schattenseite.

Rund 20 Prozent der afghanischen Opium- und Heroinproduktion werden über Tadschikistan exportiert. In der tadschikischen Drogenagentur in der Hauptstadt Duschanbe – 500 Kilometer von Khorog entfernt – laufen alle Informationen zum Drogenschmuggel in Tadschikistan zusammen.

Die Drogenagentur ist ein graues mehrstöckiges Bürogebäude an einer Ausfallstraße in Duschanbe. Im Erdgeschoss liegen die Drogenfunde, die in den letzten Monaten an der afghanisch-tadschikischen Grenze beschlagnahmt wurden, gesichert durch zwei versiegelte Eisentüren und eine Alarmanlage

Hinter den Türen ein fensterloser Raum, Regale bis zur Decke, vollgestapelt mit Kartons und Plastiksäcken unter künstlichem Neonlicht. Ein stechend saurer Geruch hängt im Raum. Der diensthabende Beamte, Leutnant Oripow, schlägt das von einer schwarzbraunen Flüssigkeit durchweichte Packpapier eines Pakets in der untersten Regaletage zurück:

„Hier sehen Sie, dieser Geruch, das ist vom Opiummohn, der angeschnitten wurde, der trocknet, und hier haben wir reines Opium. Das ist Gras, Marihuana und Haschisch, das hat auch seinen Geruch, und zum Heroin geben sie Essigsäureanhydrid hinzu, das riecht auch, und all diese Gerüche haben wir hier zusammen.“

Mehr als 67 Tonnen Drogen wurden in den letzten zehn Jahren in Tadschikistan beschlagnahmt, auf dem Transitweg von Afghanistan nach Russland und Europa. Doch das ist nur ein Bruchteil der geschmuggelten Mengen. Der Grenzfluss Pjansch ist an vielen Stellen nur ein paar Meter breit und kann problemlos überquert werden.

Der Chef der tadschikischen Drogenagentur, Rustam Nasarow, sitzt drei Etagen über der Asservatenkammer im Erdgeschoss. Ein distinguierter Herr im Ledersessel, der Seriosität ausstrahlt:

„Alle Drogen aus Afghanistan kommen über den Fluss Pjansch, mit Hilfe von Flößen oder aufgeblasenen Schläuchen von Lkw-Reifen. Dann werden sie in kleineren Mengen in Autos oder Containern versteckt.“

Die 1.300 Kilometer lange Grenze zu Afghanistan zu sichern, fällt dem tadschikischen Staat bisher sichtlich schwer. Auch Nasarow gibt zu – es fehlt an Ausrüstung und Infrastruktur, die Grenzer sind schlecht ausgebildet, und:

„Ein anderes Problem ist Korruption, das verstecken wir nicht. Manchmal kommt es vor, dass diejenigen, die das Gesetz schützen sollen, selbst zu Kriminellen werden und sich den Drogenringen anschließen.“

Die UNO schätzt in ihrem aktuellen Weltdrogenbericht, dass pro Jahr rund 90 Tonnen Heroin und 100 Tonnen Opium aus Afghanistan nach Tadschikistan geschmuggelt werden. Die Grenze zwischen den beiden Ländern ist nach wie vor alles andere als gut gesichert.