qantara.de, 23.12.2010

Brautraub gilt in Kirgistan als althergebrachte Tradition, doch die letzten Jahre zeigen, dass vor allem die heutigen wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse diesem Phänomen Vorschub leisten. Junge Frauen nehmen Entführungen und Zwangsheiraten zunehmend widerstandslos hin, weil die Gesellschaft auf archaische Rollenbilder zurückfällt.

Jeden Morgen steht Zhainagul gegen fünf Uhr auf, sehr leise, damit ihre zwei Monate alte Tochter nicht aufwacht. Unter Knistern und Funkenflug zapft Zhainagul in der Küche mit einem offenen Kabel Strom aus der Wand, heizt eine Kochplatte an.

Dann nimmt sie etwas von dem Teig, den sie am Abend zuvor angesetzt hat, drückt ihn auf dem Boden eines Aluminiumtopfes fest und stellt den Topf auf den Ofen.

Fünfzehn Fladenbrote bäckt sie auf diese Weise. Die fertigen Brote packt sie in Plastiktüten, zieht die Tochter warm an, nimmt sie auf den Arm und verlässt die Wohnung. Talas, eine kleine Stadt im Westen Kirgistans, hat 35.000 Einwohner und ein überschaubares Zentrum. Zum Basar läuft Zhainagul kaum fünf Minuten, zwei Läden nehmen ihr die Brote ab. Am Abend kommt sie ihr Geld abholen – knapp zwei Euro pro Tag.

Die Praxis der Clans
Dass die 19-Jährige etwas Geld verdient und eine eigene Wohnung hat – auch wenn das Küchenfenster zerbrochen ist und es weder warmes Wasser noch Heizung gibt – ist für sie ein kleiner Triumph. Für ihre Familie dagegen ist Zhainagul eine gefallene Frau, ohne Zukunft, eine, die sich gegen ihren Mann gestellt hat.

Als Zhainagul 16 war, wurde sie von einem völlig Fremden entführt – und noch am gleichen Tag zur Heirat gezwungen. Der Mullah besiegelte die Hochzeit nach islamischem Recht. Eine Möglichkeit, sich gegen die Zwangsheirat zu wehren, sah Zhainagul nicht: „Ich wollte nicht bleiben“, erzählt sie, „aber meine Verwandten sagten, du hast niemanden sonst, der dich versorgt. Bleib lieber, du hast keine andere Wahl.“

Zhainagul wurde Opfer eines Brautraubs, einer alten kirgisischen Tradition. „Ala Kachuu“ heißt der Brautraub bei den Kirgisen, wörtlich übersetzt etwa „ein Mädchen schnappen und wegrennen“.

Den Ursprung hat der Brauch bei den Nomadenvölkern, die das Land früher bewohnten. Zwischen den Clans wurden Frauen ausgetauscht – oder auch kriegerisch entführt. Der Islam, der heute in ganz Zentralasien eine Wiedergeburt erlebt, lehnt die Entführungen jedoch ab.

Haftstrafen für Brautraub und Zwangsheirat
Die islamischen Würdenträger in Kirgistan betonen öffentlich immer wieder, dass eine muslimische Ehe im gegenseitigen Einverständnis geschlossen werden sollte. Doch in der Realität fragt kein Mullah nach, ob das Paar, zu dem er geholt wurde und das er mit dem Heiratsritual nach islamischem Recht trauen soll, verliebt ist oder sich gerade erst kennen gelernt hat.

Nargisa Sartalijewa, Leiterin des Krisenzentrums „Maana“ in Talas, versucht deshalb, die jungen Frauen selbst zu stärken. „Wir wollen die Mädchen über ihre Rechte aufklären und sie ermutigen, nicht alles hinzunehmen.“ Denn tatsächlich ist Brautraub in Kirgistan gesetzlich verboten. Laut Artikel 155 des kirgisischen Strafgesetzbuches drohen bei Brautraub und Zwangsheirat bis zu fünf Jahre Haft. Das Problem: Niemand bringt den Brautraub zur Anzeige.

Der Gehorsam den Älteren gegenüber ist es, der die meisten Mädchen davon abhält, gegen einen Brautraub aufzubegehren. Meist würden die Mädchen auch von der Familie des Bräutigams unter Druck gesetzt, so Sartalijewa.

„Es gibt den Brauch, Brot und Salz auf die Schwelle zu legen, oder eine Großmutter legt sich in den Weg. ‚Wenn du darüber hinwegsteigst‘, heißt es, ‚wirst du dein Leben lang unglücklich sein.'“ Vielen Mädchen fehlt der Mut, sich den Verwünschungen zu widersetzen. Selbst die eigene Familie drängt sie aus Scham zum Bleiben.

Das Kalkül der Männer
Auch Zhaniagul fand in der Familie keine Unterstützung. Sie verlor früh ihre Eltern, die Tante, bei der sie lebte, als sie entführt wurde, war regelrecht froh, dass fortan eine andere Familie für die Nichte verantwortlich war. Für Nargisa Sartalijewa ist das ein typischer Fall: „Die jungen Männer wissen genau, wen sie holen können, Mädchen aus armen Familien, die sich nicht wehren und aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen sind zu bleiben.“

Die marode Wirtschaftslage in Kirgistan lässt Frauen oft keine Wahl, als einen irgendeinen Ehemann zu nehmen, der sie versorgt. Neben dem Nachbarn Tadschikistan ist Kirgistan eine der ärmsten Ex-Sowjetrepubliken.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, der Unabhängigkeit und der zunehmend instabilen politischen Lage, haben die Entführungen von Frauen und Zwangsheiraten deshalb deutlich zugenommen. Für Männer, die ihre Arbeit verloren haben, ist die Macht gegenüber Frauen oft das einzige, was ihnen noch geblieben ist.

Die Folgen des wirtschaftlichen Drucks
Am Phänomen Brautraub wird deutlich, wie tiefgreifend der wirtschaftliche Druck die kirgisische Gesellschaft in den vergangenen Jahren verändert hat. Vor allem in ländlichen Gegenden ist der Brautraub heute ein nahezu normaler Weg der Eheanbahnung, je geringer die Bildung, desto unkritischer wird die Tradition gesehen.

Die 62-jährige Jyldyz Jamanbajewa hat vier Kinder groß gezogen, ihren Mann lernte sie während des Studiums in der Hauptstadt Bischkek kennen. Die beiden heirateten aus Liebe, und das gleiche hatte sich Jyldyz auch für ihre Kinder gewünscht. „Wenn man vor der Heirat verliebt ist, kann man auch mit den Höhen und Tiefen danach besser leben“, ist sie sich sicher. Doch Saltanat, ihre älteste Tochter, entschied sich anders.

Die 27-Jährige wurde zweimal entführt. „Das erste Mal gefiel mir der Mann nicht“, erinnert sich Saltanat, „ich bin weggelaufen.“ Vor zwei Jahren dann, an einem Nachmittag im Sommer, schlug ihr eine Freundin vor, ins Café zu gehen.

Der Tag endete für Saltanat im Haus ihres künftigen Ehemannes, einem flüchtig Bekannten. Der hatte das Treffen im Café inszeniert, um sie zu entführen. Dieses Mal entschied sich Saltanat zu bleiben. „Immerhin war ich schon 25 und hatte Angst, dass mich kein Mann mehr nehmen würde.“

Saltanats Mutter Jyldyz fiel es schwer, die Entscheidung der Tochter zu akzeptieren. Saltanat jedoch ist glücklich und mittlerweile Mutter einer Tochter, ihre Wahl hat sie nie in Frage gestellt. Jyldyz jedoch ist sich sicher, „wenn es irgendwann ihre eigene Tochter betrifft, wird sie den Brautraub auch ablehnen.“

Flucht vor häuslicher Gewalt
Häufiger jedoch, so weiß es Nargisa Sartalijewa, ginge es den Mädchen wie Zhainagul; sie würden Opfer häuslicher Gewalt. Zhainagul bekam einen Sohn. Schwiegermutter und Schwägerin, die mit im Haus wohnten, behandelten sie wie eine Sklavin.

Die ganze Familie trank, schlug sie regelmäßig. Als Zhainagul in diesem Jahr auch noch ein Mädchen zur Welt brachte, eskalierte die Gewalt. „Mein Mann sagte, ich sei eine schlechte Ehefrau. Sie haben mir meinen Sohn weggenommen und mich aus dem Haus gejagt.“ Zhainagul floh, nur mit der Tochter. Den Sohn wollte die Familie des Vaters nicht herausgeben.

Die kleine Wohnung, in der sie jetzt lebt, bezahlt ihr eine entfernte Verwandte. Unterstützung fand sie auch bei Nargisa Sartalijewa, die brachte sie auf die Idee mit dem Brotbacken, um wenigstens etwas Geld zu verdienen.

Wie es jetzt weitergehen soll, weiß Zhainagul nicht. Aber einen Wunsch hat sie – einen Ehemann, der darüber hinwegsieht, dass sie einmal weggelaufen ist und der sie und die kleine Tochter aufnimmt und gut behandelt.