Berliner Zeitung, 28.06.2011

Ein Jahr nach den Pogromen in Südkirgistan wollen Kirgisen und Usbeken in Osch nichts mehr miteinander zu tun haben. Die Wunden sind noch frisch, Versöhnung scheint nicht möglich. Denn den kirgisischen Behörden liegt ganz offensichtlich nicht viel an Aufarbeitung.

Erkinai Tulanowa hat keine Tränen mehr. Sie ist völlig gefasst, wenn sie vom Tod ihrer jüngsten Tochter erzählt. Fünf Jahre alt war Mawljuda, als sie im vergangenen Juni vor den Augen ihrer Mutter und der beiden Geschwister erschossen wurde. „Herzstillstand durch Schüsse in die Brust“, steht auf dem Totenschein, den Erkinai fest umklammert. Ein Stück Verbindlichkeit in ihrem aus den Fugen geratenen Leben.

Erkinais Heimatstadt ist die südkirgisische Stadt Osch im Ferganatal, wo ein buntes Gemisch aus Kirgisen und Usbeken, Tadschiken und Russen nebeneinanderlebt. Erkinai selbst ist Usbekin. Im Juni des vergangenen Jahres wurde ihr das zum Verhängnis. Da fielen bewaffnete Kirgisen in die usbekischen Viertel von Osch ein, brannten Häuser nieder, erschossen unbewaffnete Bewohner.

Auch Erkinai wohnte mit ihren drei Kindern in einer Machallah, einem usbekischen Wohngebiet, wo hohe Mauern die grünen Höfe einfassen, in denen sich das Familienleben abspielt. Diesmal konnten die Mauern keinen Schutz bieten. Die wütenden Angreifer töteten Erkinais Tochter und ließen sie selbst nur am Leben, weil sie behauptete, Tatarin zu sein. So konnte sie fliehen – das tote Kind in den Armen.

Hoffnung, dass der Mörder gefunden wird, hatte Erkinai nie. Viel schlimmer aber wiegt für sie, dass die Usbeken in Osch auch ein Jahr nach den blutigen Unruhen nicht angstfrei leben können. „Wir rechnen jeden Tag damit, dass so etwas noch einmal passiert“, sagt sie.

Die Lage in Osch hat sich auf den ersten Blick zwar stabilisiert. Doch viele Kirgisen zeigen ihren Hass auf die Usbeken jetzt ganz offen. So wie der Taxifahrer mit der kirgisischen Flagge an der Heckscheibe, der ausspuckt, als er nach den Ereignissen im vergangenen Juni befragt wird: „Mit denen, den Usbeken, will ich nichts zu tun haben.“ Kein Usbeke bleibt abends lange auf der Straße, allein schon gar nicht.

Der usbekische Anwalt Ravshan Gapirow wird mehrmals pro Woche um Hilfe gebeten. Usbeken würden gekidnappt, heißt eine beständige Klage. Kirgisische Behörden hielten sie widerrechtlich fest – Familienmitglieder müssten sie dann freikaufen. „Die Rechte der Usbeken werden tagtäglich verletzt, Rechtsstaatlichkeit gibt es hier nicht. Und die Regierung in Bischkek sieht tatenlos zu“, sagt der Anwalt.

Bis zu den Pogromen im vergangenen Jahr waren der größere Teil der Bevölkerung in Osch Usbeken mit kirgisischem Pass. Der Konflikt zwischen beiden Volksgruppen schwelt, seit die Sowjetunion in ihrer Gründungszeit die Stadt willkürlich der kirgisischen Sowjetrepublik zuschlug. Usbeken wie Kirgisen beanspruchen Osch als ihre Stadt.

Traditionell verdienen die Usbeken ihr Geld eher in der Privatwirtschaft, an politischen Schaltstellen und in der Exekutive dagegen sitzen ethnische Kirgisen. „Sie neiden uns unseren Wohlstand“, sagt der Imam eines der usbekischen Viertel, der seinen Namen nicht nennen will. Auch er hört täglich von Übergriffen auf Usbeken. „Bis heute finden jeden Tag Säuberungen statt. Korrupte kirgisische Sicherheitskräfte erpressen uns. Wir haben Angst. Und niemand schützt uns.“

Die Moscheen, in denen Kirgisen und Usbeken früher gemeinsam beteten, sind heute strikt nach Nationalität getrennt. Niemand verbietet einem Usbeken, eine Moschee in einem kirgisischen Stadtviertel zu betreten, oder umgekehrt. Doch Angst und Misstrauen sitzen tief. Auf beiden Seiten.

Die 30-jährige Kirgisin Gulsina Aldagulowa lebte bis zu den Ausschreitungen in einem gemischten Viertel inmitten usbekischer und kirgisischer Nachbarn. Heute ist ihr Haus eine ausgebrannte Ruine. Wer das getan hat? Es könnten Usbeken gewesen sein, die sich bei ihren kirgisischen Nachbarn für die Überfälle auf ihre Landsleute rächen wollten. Doch Gulsina will darüber nicht spekulieren, zumindest nicht offen. „Usbeken und Kirgisen haben hier friedlich miteinander gelebt“, sagt sie wie zum Trotz. Als aber eine usbekische Familie an der Ruine vorbeiläuft und aufmerksam herüberschaut, senkt Gulsina die Stimme, wendet sich ab, wechselt das Thema. Reden möchte sie mit ihnen nicht.

Gulsina ist mit ihrem Mann und den drei Kindern in ein anderes Viertel gezogen, wohnt jetzt in einer kleinen Mietwohnung in einem Plattenbau – ausschließlich unter Kirgisen. Im Alltag meidet sie den Kontakt zu Usbeken. „Wir bleiben lieber unter uns“, sagt sie.

Die Ereignisse im vergangenen Jahr haben eine tiefe Kluft zwischen Kirgisen und Usbeken in Osch gerissen. Fast jeder von ihnen hat von toten Verwandten oder Freunden zu berichten. 470 Menschen starben nach offiziellen Angaben im Juni 2010 durch Gewaltakte. Doch nicht alle Toten wurden registriert, viele nach islamischem Brauch innerhalb weniger Stunden begraben. Knapp 4000 Häuser wurden zerstört. 375000 Menschen waren wochenlang auf der Flucht.

Was die damals gerade erst an die Macht gekommene Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa hätte tun können, ist umstritten. Den gegenseitigen Provokationen von Usbeken und Kirgisen stand sie machtlos gegenüber, hatte im Süden des Landes keinerlei Durchsetzungsgewalt. „Und das“, so Anwalt Gapirow, „hat sich bis heute nicht geändert.“

Die neue Regierung hält er für unfähig, Rechtsstaatlichkeit und wirtschaftliche Reformen durchzusetzen, weil sie genau so korrupt sei wie die vorangegangene unter Kurmanbek Bakijew. Präsidentin Otunbajewa bediene kirgisische nationalistische Tendenzen, ein echtes Interesse, die Probleme der Usbeken zu lösen gebe es nicht. 80Prozent der Abgeordneten hätten schon unter Bakijew im Parlament gesessen. „Sie boykottieren die Arbeit der Regierung, um zu zeigen: Seht her, die können es auch nicht besser.“

Für einfache Leute wie Erkinai Tulanowa verschlechtern sich die Lebensbedingungen immer weiter. Die Lebenshaltungskosten steigen, die Inflation liegt bei 13 Prozent, es fehlen Arbeitsplätze. Erkinai, die vor den Ausschreitungen bei einem Mobilfunkanbieter arbeitete, ist heute arbeitslos. Ihr alter Arbeitgeber will sie nicht mehr einstellen: „Sie sagten ganz offen, ich hätte die falsche Nationalität.“ Eine Perspektive sieht sie für sich und ihre Kinder in Kirgistan nicht mehr, am liebsten will sie weg von hier. „Aber wer will uns schon?“

Auch die Kirgisin Gulsina ist unzufrieden. Sie hat ihr Grundstück mit dem ausgebrannten Haus der Stadt überlassen. „Im Tausch hat man uns eine Eigentumswohnung versprochen. Bisher wurden wir aber immer nur vertröstet.“ Gulsina hofft nun wie viele andere auf die Präsidentenwahlen im November: „Wir warten auf einen ordentlichen Präsidenten, der Kirgistan zusammenhält. Einen Mann mit harter Hand. Nicht Otunbajewa.“