Die Start-ups von BIschkek

von © Deutschlandfunk, Eine Welt, 14.10.2017, 6.30 min, Edda Schlager

Kirgistan ist eine der ärmsten Ex-Sowjetrepubliken. Das Land ist abhängig von Rücküberweisungen kirgisischer Arbeitsmigranten, die nach Russland oder Südkorea ausgewandert sind. Doch in der Hauptstadt Bischkek trotzen junge Unternehmer mit eigenen Ideen der Wirtschaftskrise.

Ein Samstagabend in Bischkek, der Hauptstadt von Kirgistan. Inmitten grauer sowjetischer Plattenbauten ein zweistöckiges Wirtschaftsgebäude mit einem kleinen Innenhof. Das Ambiente: Rustikal, etwas verwahrlost sogar. Eine Kellertreppe führt in eine fensterlose Bar hinab. Der Schankraum kühl gefliest, wenig gemütlich. Doch so unscheinbar der Ort, so angesagt ist er derzeit in Bischkek. „Save the Ales“ – „Rettet das Ale“ ist Pub und Bierbrauerei in einem. Aida Mussulmankulova – 35 Jahre alt, mit kurzem schwarzen Haar und einem lässigen Auftreten – hat die Brauerei vor anderthalb Jahren gegründet:

„Was uns der Markt hier anbietet, ist kein richtiges Bier. Und so ist die Idee entstanden. Zu Hause hab ich das erste Bier gebraut, die Würze in einem Topf auf dem Gasherd gekocht. Das hat gleich beim ersten Mal geklappt. Freunde, Eltern haben gekostet – und waren begeistert. Und so haben wir entschieden, das zu machen. Ich hab mir das selbst beigebracht und war selbst überrascht: Eigentlich ist das Bierbrauen ganz einfach.“

Mittlerweile hat Aida sechs Sorten im Programm, darunter Helles, Stout, Weizen und verschiedene Fruchtbiere. Sie probiere gerne aus, sagt sie. Fünf Mal pro Woche setzen sie und ihr Mitarbeiter je hundert Liter Bier an. Manchmal müssen die Stammkunden schon warten, weil ihre Stammsorte aus ist.

Aida Mussulmankulova hat die Craft-Bier-Brauerei "Save the Ales" in Bischkek gegründet

Die Unternehmensgründung ist leicht, doch es droht ein „Schutzgeld“

Aida schätzt das dynamische Geschäftsklima in Kirgistan. Junge Leute hätten es leicht, ein eigenes Unternehmen zu gründen – wenn auch auf niedrigem finanziellen Niveau. Für 700 Dollar – so viel wollte ein Designer für ein Logo haben – habe sie dann lieber eine Tonne Malz gekauft. Kredite will sie nicht aufnehmen, sie refinanziert aus dem Gewinn. Das Gebäude gehört ihrem Vater, Miete zahlt sie deshalb nicht. Ein typisches Schicksal erfolgreicher Unternehmen in Kirgistan fürchtet sie bisher nicht: Sobald man richtig Umsatz macht, verlangen Behörden wie Gesundheits- oder Finanzamt eine Art „Schutzgeld“. Korruption ist Alltag in Kirgistan, Staatsbeamte bessern sich so ihre Gehälter auf.

„Wir sind noch nicht groß genug, dass sie zu uns gekommen wären. Uns kennen nur ein paar Leute. Wir bekommen aber viele Angebote von potentiellen Partnern, bisher ist das allerdings noch nichts. Im nächsten Jahr wollen wir mehr produzieren und dann auch Großhändler beliefern.“

Auch Mirlan Djumagulov hat sein eigenes Unternehmen gegründet: ein typisches IT-Startup. Das Büro liegt in einem zwölfstöckigen Wohnblock, mit obligatorischem Kicker im Flur und Kaffeeküche. Seit vier Jahren betreiben der 30-jährige und sein Partner mit sechs Angestellten die Firma Irokez. Sie entwickeln Computerspiele, Videoclips und Apps für Unternehmen. Kirgistan hat das Zeug zu einem regionalen IT-Hub, ist Mirlan überzeugt. Vor allem Software-Entwicklung habe ein riesiges Potenzial. Auch er wolle mit seinem Unternehmen zunehmend Kunden aus Europa, Amerika und China gewinnen.

„Bei uns sind viele Nischen noch nicht besetzt oder nur mit ein, zwei Akteuren. Wenn man also im eigenen Geschäftsfeld nur so 10, 20 Prozent besser ist als die Konkurrenz, kann man richtig gut Geld verdienen.“

Djamila will weg

Bischkek, Osch-Basar – der größte Lebensmittelmarkt der Stadt. Baumarkt-Bedarf und Bekleidung gibt es aber auch. Der Basar ist das völlige Gegenstück zu den hippen Gründern der Innenstadt mit ihren Tattoos und den Kaffeebechern to go in der Hand.

Auf dem Osch-Basar verkauft die 16-jährige Djamila Männermode aus einem Übersee-Container heraus. Sie kommt aus Naryn im Süden Kirgistans, Arbeit gibt es dort keine. Aber auch in Bischkek ist sie nicht glücklich. Djamila will nach Moskau. Ihr Bruder arbeite dort, sagt sie, er habe gemeint, sie könne nachkommen und als Köchin arbeiten. Wenn sie in Russland ein paar Jahre lang genug Geld verdient habe, wolle sie zurückkommen und eine Familie gründen.

So wie sie es vorhat, verlassen jährlich Tausende junge Kirgisen ihr Land. Kirgistan ist bis heute eine der ärmsten Ex-Sowjetrepubliken. Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 7,5 Prozent, tatsächlich aber deutlich höher. Das Land ist abhängig von Rücküberweisungen durch kirgisische Arbeitsmigranten wie Djamilas Bruder. Vergangenes Jahr überwiesen Gastarbeiter aus Russland knapp zwei Milliarden US-Dollar nach Kirgistan – knapp ein Drittel des gesamten Bruttoinlandsprodukts.

Wenn Sumsarbek Obbo Mamyraly Geschichten wie die von Djamila hört, wird er wütend. Der 36-Jährige steht hinter dem Tresen seines Thai-Restaurants, das er als zweites Standbein neben einer eigenen Näherei betreibt. Die Lebensumstände vieler Kirgisen in Russland grenzten an Sklaverei, so sagt er. Nicht selten kommen in Russland Gastarbeiter durch fehlenden Arbeitsschutz ums Leben – wie letztes Jahr in Moskau, als 17 kirgisische Arbeitsmigranten bei einem Feuer in einer Druckerei starben.

„Welches normale Land nimmt den Tod von Menschen in Kauf, nur weil sie schmalere Augen haben? Ich habe mir nach dieser Tragödie in Moskau das Versprechen gegeben, das nicht mehr zuzulassen. Und jetzt arbeiten bei mir zwölf Mädchen. Ich habe ihnen nicht nur Arbeit gegeben, ich habe ihnen das Leben gerettet. Denn sie wollten alle nach Russland gehen.“

Wirtschaftsliberaler Pragmatismus

Mamyraly will Verantwortung übernehmen und zu Hause Arbeitsplätze schaffen. Auch wenn Kirgistan mit enormen wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämpfe – im Gegensatz zu den autokratischen Nachbarländern sei hier die Entwicklung einer freien Marktwirtschaft möglich. Kirgistan habe einen gewissen wirtschaftsliberalen Pragmatismus entwickelt, sagt er:

„Vielleicht weil wir diese Revolutionen hatte, oder weil wir eben kein Öl haben, kein Gas. Weil die Regierung so schlechte Arbeit macht. Aber wenigstens wird in natürliche Marktprozesse nicht eingegriffen, diese Freiheit lässt man uns hier.“

Ausgestrahlt auf Deutschlandfunk, Eine Welt, 14.10.2017