Tannhäuser in Kasachstan

von © Deutschlandradio Kultur, Radiofeuilleton, 23.12.2010, 4:30 min

Erstmals in Kasachstan führt die Staatsoper Almaty eine Wagner-Oper auf – „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“. Am 24. und 25. Dezember ist Premiere.

Unter dem Intendanten des Staatstheaters Meiningen führt die kasachische Staatsoper Almaty am 24. und 25. Dezember Wagners „Tannhäuser“ auf. Für den Stuttgarter Ansgar Haag, seit 2005 Intendant in Meiningen, ist die Aufführung ein überraschendes Erlebnis – „ich habe den Tannhäuser erst in Almaty richtig kennengelernt“ so Haag. In Kasachstan wie auch in der Sowjetunion war Wagner lange verboten, deshalb wurde er hier kaum gespielt und ist wenig bekannt.

Auch für das Ensemble der Oper Almaty ist es ein ungewöhnliches Experiment, üblich sind traditionelle Aufführungen mit opulenter Ausstattung, das minimalistische europäische Theater ist hier völlig unüblich. Auch die Originalsprache Deutsch war für die Darsteller ungewohnt und eine Herausforderung. Zwar gab es bereits zahlreiche Gastspiele deutscher Opernhaäuser in Kasachstan, doch dies ist die erste kasachische Eigenproduktion eines Wagner-Werks überhaupt.latzhalter

Bei der Probe im kasachischen Almaty geht noch einiges schief: Der Dirigent ist zu langsam, der Tannhäuser singt nicht durch, und beim Licht wird improvisiert. Doch das, sagt Ansgar Haag, der Regie-Gast aus Thüringen, sei auch an den deutschen Theatern nicht anders.

Almaty. „Bei der Premiere klappt dann alles“, ist sich der Intendant des Meininger Theaters sicher. Haag inszeniert Richard Wagners „Tannhäuser“ in der kasachischen Staatsoper Almaty, Premiere ist an Heiligabend, im doppelten Sinne. Zwar hatte es bereits Wagner-Gastspiele deutscher Theater in Kasachstan gegeben, doch die Kasachen hatten den Ehrgeiz, erstmals eine eigene Wagner-Inszenierung zu zeigen.

Seit sechs Wochen ist Haag deshalb in Almaty, gemeinsam mit seiner Meininger Kollegin Kerstin Jacobssen, die in Almaty die Bühnen- und Kostümausstattung übernommen hat. Haag, der im April in Meiningen den „Tannhäuser“ zur Aufführung brachte, war von den Bedingungen in Almaty überrascht: „Der Chor ist dreimal so groß wie in Meiningen, das passt zu Wagner.“ Auch das Orchester sei stark und sehr sängerfreundlich.

Die Ausstattung des „Tannhäusers“ wird für das Publikum in Almaty gewöhnungsbedürftig sein: Ein großer Gitterkäfig auf der Bühne dient als Sängerhalle. Die reduzierten Bühnenbilder des modernen Theaters in Europa sind in Kasachstan unüblich. Hier setzt man auf opulente, realitätsnahe Dekorationen, der Stil ist traditionell, man spielt die Klassiker der italienischen und russischen Oper. „Ästhetik“, so Haag, „heißt hier vor allem gediegene Schönheit.“ Gegen diese Grundhaltung wolle er angehen, aber ganz brechen könne man sie nicht. Der Stahlkasten der Meininger Inszenierung, den Haag in Almaty gerne genutzt hätte, war hier technisch nicht zu realisieren. Die Bühne in der Oper Almaty liegt im ersten Stock, Türen und Bühnenzugänge sind zu schmal für große Aufbauten.

Viel mehr jedoch zeige sich in der Regie, dass in Kasachstan nicht alles machbar sei wie in Deutschland. Wagner ist in Kasachstan nahezu unbekannt. „Der Inhalt muss daher stärker über szenische Vorgänge erzählt werden, als das in Deutschland üblich ist.“

Die Sänger, die zwar auf Deutsch singen, sich dies aber nur lautmalerisch erarbeiten, hätten den Sinn der Texte immer wieder nachgefragt. Die Direktheit sexueller Themen im „Tannhäuser“ sei auf der Bühne in Kasachstan genauso fremd wie bei der Uraufführung vor 155 Jahren, so Haag. Für die Darsteller selbst ist sie nach eigener Aussage kein Problem, auch wenn sich zum Beispiel das Ballett etwas weniger offenherzige Kostüme ausbat.

Kyrill Borchaninow, als Landgraf Hermann von Thüringen, hofft: „Diese Inszenierung wird den Anfang machen hin zu einem moderneren Musiktheater in dieser Region.“ Seine Kollegin Dina Djutmagambetowa, die Elisabeth, sieht im Gegensatz zu Regisseur Haag keinen großen Unterschied zwischen den Inszenierungen in den Theatern der ehemaligen Sowjetunion und in Europa. Für beide ist die Arbeit mit Haag eine Entdeckungsreise zu einem Klassiker, den sie seit Jahren verehren, aber nie singen konnten. Denn es fehlt die Auswahl verlässlicher Stimmen. Für die meisten Sänger in Kasachstan sind die Wagnerschen Rollen zu lang und zu strapaziös, weil die Besetzungen weniger häufig wechseln. Haag: „Aber die eingesetzten Sänger sind wunderbar.“

Für Haag ist die Zusammenarbeit mit den Kasachen nach der „Tannhäuser“-Premiere nicht vorbei. 2013 will er in Meiningen erstmals in Deutschland eine kasachische Oper aufführen. Derzeit wird „Abai“, das einzige Opernwerk des kasachischen Komponisten Achmet Zhubanow, ins Deutsche übersetzt.tzhalter