„Das Haus des Heimatlosen“ von Herold Belger, 2009 im Verlag Hans Schiler erschienen, stand schon einige Monate bei mir im Bücherregal. Irgendwann bestellt in einer Art Pflichtbewusstsein, man müsse auch mal was über die Russlanddeutschen lesen. Wirklich ran wollte ich dann aber doch nicht, bis mir anderer Lesestoff ausging und ich es nochmals zur Hand nahm. Und, was soll ich sagen, dieses Buch hat sich bei mir wirklich einen Platz als persönliches Highlight erobert.

Ich lebe seit mehreren Jahren aus beruflichen Gründen in Kasachstan und hege – das gebe ich zu – selbst eine Voreingenommenheit gegenüber den Russlanddeutschen. Ja, auch ich nehme sie in Deutschland nicht als „richtige“ Deutsche wahr, weil viele von ihnen bis heute lieber russisch als deutsch sprechen. Und hier in Kasachstan ist ihr Bild geprägt von einer Dach-Organisation und deren Funktionären, die nicht unbedingt meine Sympathie haben und eine Arbeit leisten, die nicht immer durchschaubar ist. Etwas sektenartiges haftet den Russlanddeutschen hier in Kasachstan an, meist sind das alte Leute, die irgendwie an altmodischen, muffigen Traditionen festhalten, die mit dem heutigen Deutschland rein gar nichts zu tun haben, oder junge, die sich Deutsche nennen, aber sich für mich von Russen nicht unterscheiden.

Aber das Buch von Herold Belger hat mich doch durch die Mensch gewordenen Schicksale berührt und mir irgendwie die Augen geöffnet. Denn hinter jedem Russlanddeutschen steht wirklich so eine Geschichte, wie sie in „Das Haus des Heimatlosen“ erzählt wird. So rücken einem „diese Deutschen“ näher an die eigene Seele und das Verständnis für sie wächst, so platt das auch klingen mag.

Belger erzählt gleich drei Schicksale, die miteinander verbunden sind, sich aber nie zu weit voneinander entfernen. So bleibt man während der gesamten Lektüre auch an den Charakteren dran, die zuvor die Hauptrolle hatten, und verliert sie nicht. Im Mittelpunkt stehen David Ehrlich, der als Landarzt arbeitet und sich durch Bescheidenheit und Fleiß Respekt verschafft, sein Bruder Christian, der die Schrecken der Trudarmee – nichts anderes als Arbeitslager, deutschen Konzentrationslagern ähnlich – überlebt hat, und der junge und kluge Harry, der studieren will und durch autoritätshörige Funktionäre wieder und wieder und wieder abgewiesen wird. Man verzweifelt schier selbst an der Ausweglosigkeit und der Willkür und Boshaftigkeit des sowjetischen Systems.

Das alles erzählt Belger in einer ganz zarten, feinen Sprache, die ich so nicht erwartet hatte – wieder ein Vorurteil, ja, zugegeben. Zille hat so gezeichnet, wie Belger schreibt – trotz der Schwere des Erzählten immer mit leichter Ironie und geradezu kindlichem Spaß an detailfreudigen Skizzen. Das Buch ist ein Lese-Genuss, den man sich geradezu aufsparen will, trotz der wirklich schrecklichen Geschichte, die hier ganz nahe rückt. Zu loben ist übrigens auch die Übersetzung von Kristiane Lichtenfeld, die selbst auf Deutsch die Eigenheiten des kasachischen Akzents im Russischen transportiert.

Die Russlanddeutschen haben in Kasachstan heute einen fast schon legendär guten Ruf (wovon übrigens auch die „echten“ Deutschen profitieren) – sie gelten als fleissig, zuverlässig, ordentlich. Russen wie Kasachen loben, dass die Deutschen damals alle Kasachisch lernten, als sie in die kasachischen Steppendörfer in die Verbannung geschickt wurden. Wenn einem das jeder zweite Taxi-Fahrer in Kasachstan erzählt, hat das etwas glorifizierendes, erfundenes. Doch Herold Belger hat dies selbst miterlebt, er ist ein glaubwürdiger Augenzeuge, der seine eigene Geschichte erzählt und die seiner Landsleute. Danke, Herr Belger, dass Sie uns diesen Rückblick in die Geschichte gewährt haben! Und Kotau vor dem Schicksal Ihres Volkes.