„Bildungsbrücken ins Herz Asiens“ möchte Bundespräsident Köhler bauen, wenn er diese Woche vom 2. bis 4. September erstmals in seiner Amtszeit nach Kasachstan reist. Mit ihm zusammen ist eine deutsche Wirtschaftsdelegation unterwegs. Das Ziel der Deutschen: Der Ausbau wirtschaftlicher Beziehungen mit dem Klassenbesten in Zentralasien. Die Kasachen erwarten im Gegenzug vor allem Unterstützung im Ausbildungssektor.

Ölrausch ohne Ingenieure – so lässt sich das zentrale Problem Kasachstans im derzeitigen Wirtschaftsboom beschreiben. Jahrelang wurde die Ausbildung von Technikern verschlafen. Deshalb erhofft sich das Land von außen Unterstützung bei der Ausbildung von Fachkräften. Im Vordergrund des dreitägigen Besuchs von Bundespräsident Horst Köhler steht deshalb die Zusammenarbeit Deutschlands und Kasachstans in den Bereichen Kultur und Bildung.Deutschland hat ein Problem mit fehlenden Ingenieuren – in Kasachstan dagegen ist die Lage dramatisch. Im Zuge weit reichender Reformen des Finanz-, Steuer- und Rechtssystems hatte man in den letzten Jahren fast ausschließlich auf die Ausbildung von Juristen, Finanz- und Steuerexperten gesetzt. Hinzu kommt, dass die noch zu Sowjetzeiten ausgebildeten Fachkräfte im technischen Bereich überwiegend Russen oder ethnische Deutsche waren.

Diese haben das Land aus Mangel an wirtschaftlichen Perspektiven aber zu Millionen verlassen. Das rächt sich jetzt: An allen Ecken und Enden fehlen der Wirtschaft, die in den letzten Jahren regelmäßig mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von knapp zehn Prozent glänzte, Ingenieure und Handwerker.

Dass die Situation dramatisch ist, hat Kasachstan bei einem Internationalen Beschäftigungsforum Ende August in Rudny in Nord-Kasachstan zugegeben. „Vor allem die Kooperation zwischen Ausbildungsstätten und Unternehmen ist bisher nicht zufrieden stellend“, sagte der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew. In Kasachstan gibt es kein duales Ausbildungssystem wie in Deutschland. Ausbildungsstätten mit staatlichen Curricula sind ausschließlich Universitäten und Fachschulen, standardisierte Lehrberufe gibt es nicht.

Die Zusammenarbeit mit Deutschland in Sachen Bildung und Ausbildung steht auf der Wunschliste der Kasachen deshalb ganz oben. Grundlage dafür ist die im vergangenen Jahr verabschiedete Zentralasien-Strategie der Europäischen Union, die unter der deutschen Ratspräsidentschaft initiiert worden war.

So wird beispielsweise die GTZ, die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, künftig mehrere Ausbildungsprojekte in Kasachstan unterstützen und bei der Schaffung von kasachischen Ausbildungsstandards Hilfe leisten. Der Chef des kasachischen GTZ-Büros in Astana, Rainer Görtz, ehemals Mitarbeiter im Ministerium für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie von Nordrhein-Westfalen, betonte allerdings: „Wenn Sie eine attraktive Berufsausbildung schaffen wollen, müssen Sie danach auch attraktive Arbeitsplätze zur Verfügung stellen und Verwendung für die Fachkräfte haben.“

Der Hinweis kommt nicht von ungefähr. Offiziell liegt die Arbeitslosenquote in Kasachstan in diesem Jahr bei knapp sieben Prozent und ist damit im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Doch die internationale Finanzkrise ist auch an Kasachstan nicht vorbei gegangen. Für 2008 prognostizierte die Asian Development Bank einen Einbruch des BIP auf fünf Prozent, die Hälfte der vergangenen Jahre.

Davon lassen sich deutsche Mittelständler allerdings nicht abschrecken – für sie ist Kasachstan nach wie vor interessant. Eine deutsche Wirtschaftsdelegation wird deshalb den Bundespräsidenten bei seinem Kasachstan-Besuch begleiten. Laut der Repräsentanz der deutschen Wirtschaft in Kasachstan sieht man vor allem im Handelssektor – Deutschland war 2007 fünftgrößter Import-Partner Kasachstans, im Maschinenbau und in der verarbeitenden Industrie Möglichkeiten für deutsche Unternehmen.

Dass dafür aber wiederum geschulte Fachkräfte in Kasachstan nötig sind, hat auch die Deutsch-Kasachische Universität, die DKU in Almaty, eine private Universität mit etwa 250 Studenten, erkannt. Sie will die kasachische Wirtschaft unterstützen und künftig die notwendigen Ingenieure ausbilden. Gerade wurde die neue ingenieurwissenschaftliche Fakultät eingerichtet, unterstützt durch einen Zuschuss von drei Millionen Euro aus Deutschland und mehreren deutschen Fachhochschulen.

Damit die kasachischen Studenten deutsches Know-How lernen, setzt die DKU auch auf die Zusammenarbeit mit deutschen Firmen in Kasachstan. So sollen besonders begabte Studenten künftig Stipendien von den kasachischen Dependanzen deutscher Unternehmen wie Siemens oder ThyssenKrupp erhalten oder Praktika in den Betrieben absolvieren.

Der Praxisbezug steht auch im Vordergrund des deutsch-kasachischen Manager-Fortbildungsprogramms, das von InWEnt, einer deutschen Agentur für Entwicklungszusammenarbeit, koordiniert wird. Bereits seit 2003 lädt das Programm junge kasachische Führungskräfte zu mehrmonatigen Praktika in Unternehmen in Deutschland ein, um sie so fit für den Weltmarkt zu machen und gleichzeitig die deutsch-kasachischen Wirtschaftsbeziehungen zu vertiefen. Fast 150 kasachische Führungskräfte haben sich bisher in deutschen Unternehmen fortgebildet. Bis 2010 sollen jährlich mindestens weitere 40 Manager eine solche Fortbildung absolvieren. Das Programm wird aus Mitteln der Bundesregierung gefördert und wurde im Jahr 2007 vom Bundeswirtschaftsministerium übernommen.

Welche Erfahrungen die kasachischen Jung-Manager in Deutschland gemacht haben, werden sie Bundespräsident Köhler bei einem Treffen in Astana persönlich erzählen können. In Astana wird Bundespräsident Köhler auch den kasachischen Präsidenten Nasarbajew treffen und am 10. Deutschen Wirtschaftstag teilnehmen, bevor er nach Almaty und anschließend in die Mongolei und nach China weiterreist.