Kasachstan: Das Art-i-Shock-Theater in Almaty

von © Deutschlandfunk, Humboldt 2009, 06.12.2009, 7 min

Ein Hinterhof-Keller im Zentrum von Almaty ist die Spielstätte des Art-i-Shock-Theaters. Was in Köln, Berlin oder New York seit Jahrzehnten fest zur Kulturszene gehört – unabhängiges Untergrund-Theater – ist in Kasachstan eine Besonderheit. Theater heißt hier klassische Stücke und Inszenierungen, verdiente Künstler und Finanzierung aus dem staatlichen Kulturhaushalt. Doch beim Art-i-Shock ist alles anders.

Ein Hinterhof-Keller im Zentrum von Almaty. Heizungsrohre führen unter der niedrigen Decke entlang. An den Wänden schwarze Stoffbahnen, die jedes Geräusch schlucken, die Luft ist stickig, der Raum beengt.

Mit einem Crescendo aus dem Geschrei hysterischer Mädchen und der Hymne der Sowjetunion beginnt eines der erfolgreichsten Stücke des Art-i-Schock-Theaters in Almaty in Kasachstan. In „Back in the USSR“ erinnert sich eine Journalistin – und mit ihr das Publikum – an die 70er und 80er Jahre der Sowjetunion.

Zerschellte Lenin-Büsten, Schul-Disko zu russischen Schlagern, geklaute Schulranzen und Pionier-Gesänge, das war die Jugend der Macherinnen des Theaters, als sie selbst noch junge Pioniere waren und Brieffreundschaften in die DDR pflegten.

Im Mittelpunkt des Stücks stehen nicht die Aufarbeitung der Stalin-Diktatur oder der Kalte Krieg, sondern ganz subtil Denunziantentum, Posten und Privilegien, die auch im Sowjetstaat für ein genau definiertes Oben und Unten in der Gesellschaft sorgten. Eine Verklärung dieser Zeit aus heutiger Sicht sei nichts als Sehnsucht nach der eigenen Jugend, wie es jeder Generation eigen ist, so die Botschaft.

Das Theater Art-i-Schock war bei seiner Gründung vor neun Jahren das erste unabhängige Theater Kasachstans. Und bis heute ist es das einzige seiner Art, das so lange durchgehalten hat. Es ist populär wie kein anderes Theater in Kasachstan, die Vorstellungen im Hinterhof-Keller sind oft Wochen im voraus ausverkauft.

Galina Pjanowa und Veronika Nassalskaja, die Köpfe der Truppe, sind Intendantin, Regisseurin und Schauspielerin in Personalunion. Sie und die anderen Gründungsmitglieder, fast alles Frauen, sind echte Aussteiger. Sie verließen das System der staatlichen Theater freiwillig – ein gänzlich unverständlicher Schritt zur damaligen Zeit, selbst für Schauspielerkollegen. Galina Pjanowa zu den Beweggründen.

„Wir wollten eine neue Art Theater. Zwar nichts Neues erfinden im großen Stil, das ist wohl seit den Griechen nicht mehr möglich. Aber hier und heute wollten wir ein Experiment machen.“

Am Anfang spielte die Truppe auf der Straße, Improvisationstheater ohne eigene Spielstätte. Die Leute in der Fußgängerzone hätten sie misstrauisch bestaunt, so Galina Pjanowa. Doch die Truppe fand schnell Zuschauer, die auch regelmäßig kamen. Und wenig später schenkte ihnen ein Gönner das Geld für den Keller, der heute das Zuhause des Theaters ist. Noch heute wundert sich Veronika Nassalskaja, die zweite Chefin, über diesen Glücksfall.

„Ein befreundeter Geschäftsmann meinte, Theater sei kein Geschäft, sondern Kultur. Er würde gerne dazu beitragen, die Kultur weiterzuentwickeln, das sei seine moralische Pflicht. Und er gab uns in einer Plastiktüte das nötige Geld.“

Dass sich in Kasachstan jemand so selbstlos für ein Theater einsetzt, ist bis heute einmalig. Denn in der Kultur des modernen, unabhängigen Kasachstans wird Theater eher als untergeordnete Kunstform betrachtet.

„Leider gilt in Kasachstan Theater nicht als ureigene Tradition. Die Möglichkeiten des Theaters, das Bewusstsein der Gesellschaft zu beeinflussen, werden bei uns nicht wertgeschätzt.“

Nach der Unabhängigkeit spielt die kasachische Geschichte nun zwar wieder eine Rolle. Doch Theater war bei den Kasachen, einem Reitervolk, kaum bekannt. Malerei und Musik, darin finden sich Kasachen wieder. Die Theater-Tradition dagegen war russisch geprägt. Und geht nun nach und nach verloren. Neue Inhalte werden kaum bearbeitet, sagt Nassalskaja

„Das ist, als ob auf einem Feld eine Frucht angebaut wird, und die Samen haben keine ausreichende Qualität, die Maschinen sind nicht auf dem neusten Stand, das geerntete Getreide wird nicht richtig gelagert. Als Folge kann man daraus nur wenig Brot backen, und es schmeckt noch nicht mal besonders.“

Trotzdem wird das Arti-i-schock mittlerweile in einem Atemzug mit dem berühmten Ilkhom-Theater in Usbekistan genannt. Beide setzen stark auf Improvisation. Doch so provokant und schockierend wie das Ilkhom seit über 30 Jahren auftritt, ist das Arti-i-schock noch längst nicht. Dennoch gelten beide als wichtigste Vertreter des zentralasiatischen Theaters, obwohl es, so Veronika Nassalskaja, „das“ zentralasiatische Theater eigentlich gar nicht gebe.

„Wir haben nicht ausreichend Merkmale, die uns allein auszeichnen. Und es gibt zu wenig Theatergruppen, die das entwickeln könnten. Heute setzt sich das zentralasiatische Theater aus verschiedenen Elementen zusammen, aus dem europäischen Theater, der Pop-Kultur, aus Kommerz. Bisher ist das so eine Mischung,, die noch ihren Platz sucht.“

Bisher hat die Truppe klassische Stücke aufgeführt oder selbst geschriebene. Doch in diesem Jahr hatte „Engel mit Schnurrbart“ Premiere. Der italienische Lyriker Tonino Guerra hat es aus einem seiner Gedichte eigens für das Arti-i-schock-Theater entwickelt.

„Engel mit Schnurrbart“ ist anders als die bisherigen Stücke des Arti-i-schock. Sonst eher vordergründig und aggressiv mit leicht zugänglichen, den Zuschauern vertrauten Themen zeigt sich die Truppe hier leise, philosophisch, fast impressionistisch und nur in Andeutungen.

Anders als das Ilkhom-Theater in Taschkent versteht sich die Truppe des Arti-i-schock nicht als politisches Theater. Dazu fehle es ihnen an der nötigen Kompetenz, so Pjanowa. Hinzu kommt, dass selbst die Zuschauer in Kasachstan im Theater keine Politik sehen wollen.

„Ich denke, es wäre nicht interessant. In unserem Land verändert sich nichts in der politischen Umgebung. Also, ich denke, die Leute sind eher politisch nicht interessiert, sie sind interessiert an anderen Dingen, an Leuten, an der Seele, an den Beziehungen miteinander, aber die Politik berührt sie nicht.“

Berühren, das aber wollen die Frauen von Arti-i-schock. Und die Hoffnung, dass sie doch eines Tages etwas bewegen könnten, mit ihrem Theater, haben sie noch nicht aufgegeben

Bisher haben die Macherinnen noch keinen Druck von oben gespürt. Und sie haben gezeigt, dass ein Theater wie das Arti-i-schock unabhängig von der staatlichen Kulturpolitik existieren und Erfolg beim Zuschauer haben kann. Es gibt also Platz für unabhängiges Theater in Kasachstan. Der Zuschauer schließlich ist selbst mündig, sich zu entscheiden – und sei es eben für ein Keller-Theater wie das Arti-i-schock.

„Es ist heiß, stickig und die Sitze sind nicht sehr bequem, aber wenn man sich daran gewöhnt, ist das so ein richtiges Theater wie es sein sollte – nahe am Publikum.“