Schiffe am Hafen von Kuigan im Ili-Delta am Balchaschsee
Fischer laden ihren Fang, den sie mit dem Auto herangefahren haben, im Kühlhaus am Hafen von Kuigan ab.
Fischer im Hafen von Kuigan
Fischerboote in einem der vielen Arme des Ili. Das Ili-Delta ist eine Oase für Fische und Vögel, die sich im Schilf gut verstecken können.
Fischer Oleg Schumacher fährt mit seinem Boot durchs mit Schilf bewachsene Delta zum Balchaschsee.
Abendstimmung auf dem Balchaschsee
In einem Dorf am Balchaschsee holt eine Frau Trinkwasser an einer öffentlichen Pumpe.
Malerische Abendstimmung am Balchasch. Für viele Männer hier allerdings ist die Fischerei alles andere als romantisch, sie ist die einzige Einkommensquelle.
Noch gibt es genug Wasser und Fisch. Zwei Fischer auf dem abendlichen Balchaschsee.
Von Wanderdünen bedroht ist das Dorf Bach-Bachty südlich vom Balchaschsee. Auf der anderen Seite des Dorfes wird Reis angebaut, der künstlich bewässert werden muss.
Akylbek Botbajew, Vorarbeiter in einer landwirtschaftlichen Kooperative, auf einem der künstlich bewässerten Reisfelder.
Akylbek Botbajew an einem Schieber, der das Wasser in den Knälen zur Bewässerung der Reisfelder reguliert.
Durch Kanäle wird der Reis bewässert. Per Hand werden sie von Schilf freigehalten.
Südlich vom Balchaschsee liegen in unmittelbarer Nähe Wüste und bewässerte Felder nebeneinander.
Der Ili fließt aus China nach Kasachstan und in den Balchaschsee. Er ist der wichtigste Zufluss und stellt rund 80 Prozent des Wassers, das in den Balchasch fließt, bereit.
Dünen zwischen den Flussarmen im Ili-Delta. Durch das trockene Klima herrscht eine hohe Verdunstung. Auf jede Veränderung reagiert das Ökosystem um den Balchaschsee hoch sensibel.

Der Balchaschsee im Osten Kasachstans droht auszutrocknen – durch die gleichen Fehler wie am Aral. Das Nachbarland China baut zahlreiche Staudämme und blockiert die Wasserzufuhr aus den Zuflüssen des Sees.

Wellen klatschen gegen den heißen Beton der Anlegestelle. Fischkutter schaukeln angeleint auf dem Wasser. Der Hafen von Kuigan liegt wie ausgestorben in der Mittagshitze. Nur ein paar braun gebrannte Halbwüchsige toben im Wasser herum.

Kuigan ist ein Dorf mit 1.800 Einwohnern, am südwestlichsten Ende des Balchaschsees im Osten Kasachstans. Hier fächert sich der Ili, der größte Zufluss des Balchasch, in zahlreiche kleine Flüsse zum Delta auf. Ganz Kuigan ist durchzogen von Kanälen, die mit Schilf bewachsen sind. Jeder Haushalt hat ein Boot, das Dorf lebt vom Fisch.

Die Fischer nennen den Balchasch „Ozean“

Knapp zweihundert Fischer sind in den vier Kooperativen des Ortes beschäftigt. Einer von ihnen ist Oleg, hoch gewachsen, mit stechend blauen Augen und einem wettergegerbten Gesicht. Der Balchasch ist für ihn nicht nur ein See. „Wir nennen ihn den ,Ozean’,“ sagt Oleg, „denn wenn du bei einem Sturm draußen bist, merkst du, dass er wirklich genauso gefährlich ist.“

Der Balchaschsee, der sich gebogen wie eine Säbelklinge über eine Länge von 600 Kilometern durch die kasachische Steppe zieht, ist der größte See in Zentralasien – jetzt, da der Aralsee fast ausgetrocknet ist. Vom Aral, dem einst viertgrößten Binnensee der Welt, sind heute mehr als zwei Drittel der einstigen Seeoberfläche verschwunden. Auf dem ausgetrockneten Grund ist eine neue Wüste entstanden – und nun droht dem Balchasch das gleiche Schicksal.

Von 1972 bis 2001 ist der Balchaschsee um rund 150 Quadratkilometer geschrumpft, eine Fläche so groß wie die Stadt Potsdam. Allein zwischen 1988 und 1998, maßen Wissenschaftler vom Geographischen Institut in Almaty, sank der Seespiegel um nahezu zwei Meter ab.

Jahrzehnte lang wurde Wasser verschwendet

Ein Grund dafür ist die Jahrzehnte lange Wasserverschwendung in der Landwirtschaft, die schon den Zuflüssen des Aralsees das Wasser abgegraben hat. Vor allem beim Baumwollanbau – einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in Zentralasien – müssen die Felder künstlich bewässert werden. Bis heute gehen dabei in maroden Bewässerungskanälen mehr als 50 Prozent des Wassers verloren und versickern.

Für Oleg, den Fischer aus Kuigan, ist es schwer vorstellbar, dass der Balchasch austrocknen könnte. „Nein, das ist unmöglich“, sagt er, „sehen Sie doch, wie viel Wasser der Ili in diesem Jahr hat!“

Tatsächlich ist der Seespiegel, der um die Jahrtausendwende einen extremen Tiefstand erreicht hatte, in den vergangenen zehn Jahren langsam wieder angestiegen – weil die Gletscher des Tien-Shan-Gebirges, aus denen die Zuflüsse kommen, durch den Klimawandel schneller schmelzen. Es gibt wieder reichlich Fisch im Ili und im Balchasch – was auch viele Medien und Politiker blind macht für die drohende Gefahr.

Wasserbedarf in China steigt

Gefährdet ist der Balchasch auch wegen seiner Nähe zu China: Zu 80 Prozent wird er aus dem Ili gespeist. Der kommt aus der westchinesischen Provinz Xinjang, die unmittelbar an Kasachstan grenzt. Dort entstehen derzeit zahlreiche Staudämme, die die Wasserzufuhr des Flusses kappen.

Dschakup Dostaj, Hydrologe am Geographischen Institut in Almaty, blickt mit Sorge zum großen Nachbarn. „China beginnt, seinen Westen wirtschaftlich zu entwickeln. Dort hat man Erdöl und -gas gefunden, aber es gibt kein Wasser.“

An den zwölf größten Flüssen in Xinjiang – einer davon ist der Ili – sind derzeit rund 30 Staudämme und Rückhaltebecken geplant. „Wenn die Dämme fertig sind, fließen zwei Drittel weniger Wasser aus China nach Kasachstan“, fürchtet Hydrologe Dostaj.

Langfristig sinkt der Wasserspiegel

Für den Balchaschsee wäre das das Aus. Mit maximal zehn Metern Wassertiefe ist der See sehr flach. „Schon jetzt hat der See aufgrund dieser Besonderheit einen Salzwasser- und einen Süßwasserteil“, so der Hydrologe Dostaj. „Der Balchasch reagiert besonders sensibel auf sinkenden Zufluss, denn durch das trockene Klima ist die Verdunstung hier besonders hoch.“ Und je flacher der See, desto stärker nimmt auch die Verdunstung zu. Fließt weniger Wasser durch die Zuflüsse hinein, schrumpft die Oberfläche innerhalb nur weniger Jahre. Die ausgedehnten Schilfgebiete am Rande des Balchasch, Unterschlupf für zahlreiche Vogel- und Fischarten, wären in Gefahr. Und die zwei Millionen Menschen, die von Fischfang und Landwirtschaft am Balchasch und seinen Zuflüssen leben, müssten um ihre Lebensgrundlage bangen.

Dostaj und seine Kollegen haben errechnet, dass der optimale Wasserstand des Balchaschsee bei rund 341 Metern über dem Meeresspiegel liegt. Zu Beginn des Jahres 2012 stand das Wasser bei gerade mal 267 Metern. Bei weniger als 230 Meter würden vom Balchasch nur noch einige Teilseen übrig bleiben.

Anbauflächen, doppelt so groß wie der Berliner Flughafen Tegel

Hinzu kommt: Auch die kasachische Seite geht großzügig mit der Ressource Wasser um und gefährdet den Balchasch damit zusätzlich. 150 Kilometer östlich von Kuigan wird das Dorf Bach-Bachty von einer riesigen Wanderdüne bedroht. Noch etwa 70 Meter trennen den Sand vom ersten Haus. Dennoch wird rund um das Dorf Reis angebaut – und der muss künstlich bewässert werden.

Akylbek Botbajew ist Vorarbeiter der landwirtschaftlichen Kooperative, die hier auf 1.000 Hektar Reis anbaut, eine Fläche doppelt groß wie der Berliner Flughafen Tegel. „Reis“, sagt Botbajew, „ist sehr empfindlich. Es ist eine Kunst, auf allen Feldern genau den richtigen Wasserstand einzustellen.“ Stolz zeigt er zwischen saftig grünen Reisfeldern, wie der Wasserstand reguliert wird – mit einfachen Schiebern zwischen den Kanälen, die per Hand geöffnet oder geschlossen werden „Alles ohne Pumpen, das Wasser folgt einfach der Schwerkraft.“

Das Wasser für die Reisfelder und für weitere 2.000 Hektar bewässerte Anbaufläche kommt aus dem Ili, der ein paar Kilometer entfernt vorbei fließt. Die offenen Kanäle sind zum großen Teil unbefestigt, viel Wasser versickert im Boden. „Es ist doch genug Wasser da“, meint Botbajew.

Kupfer, Zink und Blei im Balchasch

Und noch eine weitere Gefahr droht dem Balchasch, ganz ähnlich wie am Aralsee. Am Aral hatten Amudarja und Syrdarja Jahrzehnte lang Düngemittel, Pestizide und Insektizide von den Baumwollfeldern in den See gespült – eine tödliche Mischung, die sich auf dem Seegrund ablagerte und sich heute nach dem Austrocknen durch Staubstürme in der Region verteilt.

Und auch am Balchaschsee nimmt die Schadstoffbelastung zu, wie Wissenschaftler des kasachischen hydrologischen Dienstes KazGidroMet beobachten. Im flachen östlichen Teil des Sees ist die Konzentration von Kupfer, Zink, Blei, Arsen oder Sulfaten allein in den letzten zwei Jahren um die Hälfte gestiegen. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich auf dem Grund des Balchaschsees mehrere Hundert Tonnen Schwermetalle abgelagert haben.

Ein Verursacher ist das Bergbau- und Metallurgie-Kombinat des Kupferproduzenten Kazakhmys in der Stadt Balchasch am Nordufer des Balchaschsees, das Produktionsabfälle in den See leitet.

Politiker fürchten Kritik an China

Trotz der wirtschaftlichen und sozialen Brisanz sind Kasachstan und China bisher weit davon entfernt, sich über die Zuflüsse des Balchaschs zu einigen. Zwar wurde schon im Jahr 2001 eine kasachisch-chinesische Kommission zur Nutzung grenzüberschreitender Flüsse gebildet. Doch ein bilateraler Vertrag enthält lediglich Absichtsbekundungen, rechtlich bindend ist er nicht. „Wir müssten genaue Absprachen treffen, welches Land wie viel Wasser aus welchem Fluss entnehmen darf“, so Hydrologe Dostaj.

China sei einverstanden, den Wasserverbrauch mit Kasachstan zu regeln, „gerecht und abhängig von der Anzahl der Menschen, die entlang der Flüsse leben“, so berichtete der kasachische Vize-Landwirtschaftsminister Marat Tolibayev nach einem bilateralen Treffen im Juni dieses Jahres. „Aber wenn wir das Wasser danach aufteilen, wird es keine Win-Win-Situation geben“, so Tolibayev.

Offene Kritik an China vermeiden die kasachischen Politiker, sind sie gegenüber dem mächtigen Nachbarn doch in einer denkbar ungünstigen Verhandlungsposition. Denn das Land ist wichtigster Exportpartner Kasachstans und milliardenschwerer Investor. China spielt einfach auf Zeit und setzt den Ausbau des Westens fort – ohne Rücksicht auf den Balchaschsee.

Water Stories, n-ost, 2014-12