Afghanistan: ISAF als Medienmacher

von © Deutschlandfunk, Markt und Medien, 19.05.2007, 4 min

Die NATO betreibt in Afghanistan einen Radiosender und eine Zeitung, in Kabul auch einen Fernsehsender. Alle drei Medien heißen „Sada-e-Azadi“ – „Stimme der Freiheit“. Die NATO will damit den Wiederaufbau der afghanischen Gesellschaft unterstützen und dem Volk die Demokratie näher bringen.

Hebammenschule statt toter Taliban. In Badakhshan im Nordosten Afghanistans hatten Journalisten diese Woche andere Prioritäten als die Kollegen in Deutschland.Aber auch in einem Container im Camp der Bundeswehr in Faisabad lief die Nachricht zum Tod des Talibanchefs Dadullah über den Ticker. – Zu dritt an einen schmalen Schreibtisch gequetscht, arbeiten hier der deutsche Journalist Jan Dimog Tanju-aquio und seine beiden afghanischen Kollegen.

Ein Print- und ein Radiojournalist, der Deutsche als Redaktionsleiter – das ist die Regionalredaktion Badakhshan von Sada-e-Azadi, dem Radiosender und der gleichnamigen Zeitung, herausgegeben von der ISAF in Afghanistan.Ein paar Zitate nur zum Tod des Taliban gab es aus Badakhshan. Ausführlich berichtete Radioreporter Matiullah Mati dagegen über die Einweihung der ersten Hebammenschule in der Provinz – gegründet mit deutscher Hilfe, ein wichtiger Schritt gegen die hohe Säuglingssterblichkeit in der Region.

Sada-e-Azadi, zu deutsch „Stimme der Freiheit“, wurde im Jahr 2003 von der ISAF gegründet – als eine der hoffnungsvollsten Waffen im Kampf um Stabilität in Afghanistan. „Winning hearts and minds“ heißt die Strategie der NATO. Und die afghanischen Herzen und Köpfe gewinnen soll auch Sada-e-Azadi.

Doch Medien für Afghanen, gemacht von westlichem Militär, kann das funktionieren? … – Bei Sada-e-Azadi setzt man auf den Einsatz von zivilen Journalisten, ausländischen und afghanischen. Neun Regionalteams arbeiten der Zentralredaktion in Kabul zu. Vier Stunden täglich sendet der Radiosender in Dari und Paschtu, den Landessprachen. Die Zeitung erscheint alle zwei Wochen. Die Abstimmung von Themen zwischen dem Herausgeber ISAF und den Journalisten ist gelegentlich schwierig. Jan Dimog Tanjuaquio, der deutsche Redaktionsleiter in Faisabad:

„Da gibt es schon heftige Auseinandersetzungen, weil natürlich viele Zivilisten, die Journalisten und Redakteure, die aus dem Ausland hierher geholt wurden, das klar gesehen haben, das ist ja dümmste Propaganda, das geht so nicht.“

Was nicht geht, ist, nur über die ISAF zu berichten, über Militär-Operationen oder die PRTs, die Provincial Reconstruction Teams, in denen die NATO-Truppen in Afghanistan organisiert sind.Die Empfehlung der Journalisten ist klar. Der afghanische Reporter Mati:

„Die Leute wollen Geschichten lesen, die mit ihnen zu tun haben, mit ihrer Gesellschaft, mit ihren Dörfern. Wenn sie nur über ISAF lesen, ist das langweilig. Dann wechseln sie den Radiosender oder werfen unsere Zeitung in den Müll.“

Weg von ISAF-Kampagnen also, hin zu Menschen-Geschichten. Redaktionsleiter Tanjuaquio sieht erste Erfolge des Konzepts.

„Es hat ein bisschen gedauert, bis man den Leuten klar gemacht hat, ‚ja, das sind ISAF-Medien, aber unser Auftrag ist nicht, ausschließlich die ISAF, das PRT oder die Internationalen zu promoten, sondern eure Geschichten‘. Dann sind sie ganz erstaunt, sind erst mal skeptisch. Wenn sie allerdings die Artikel dann gelesen haben oder die Radioreportage gehört haben, sind sie sehr erfreut, weil sie sehen, wir sind tatsächlich an ihren Geschichten interessiert.“

Sada-e-Azadi ist populär. Der Radiosender ist auch in entlegenen Provinzen zu hören, oft als einziger Sender, die Zeitung wird kostenlos verteilt. Doch ist auch Kritik erlaubt?

„Manchmal ist es natürlich nötig zu kritisieren, die Korruption oder andere Dinge, die nicht rechtens sind. Aber wir versuchen, überwiegend positive Nachrichten zu bringen. Wir hatten in Afghanistan jahrelang Krieg. Deshalb wollen die Leute keine negativen Nachrichten mehr hören. Wenn unsere Berichte nur negativ sind, verlieren die Menschen die Hoffnung in ihre Zukunft. Wenn wir aber über Fortschritte berichten, die es in Afghanistan tatsächlich auch gibt, dann das einfach besser für die Menschen.“