Afghanistan: Das deutsche Modell

von © Deutsche Welle, Focus Asien, 13.07.2007, 5 min

Trotz der angespannten Sicherheitslage steht auch für die Bundeswehr in Afghanistan eines weiterhin im Vordergrund: Der Wiederaufbau des Landes. Deshalb kooperiert sie in den drei nordöstlichen Provinzen Kunduz, Takhar und Badakhshan mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GTZ und engagiert sich bei der Dorfentwicklung.

Und das, was die größte Schwäche der Bundeswehr in Afghanistan ist, ihre Verletzlichkeit, wenn die Soldaten sich außerhalb der Camps bewegen, in Dörfer gehen und nach Problemen fragen, ist auch die größte Stärke des deutschen Modells: Das defensive, aber interessierte Auftreten der Soldaten schafft Vertrauen – vor allem in die Eigenverantwortung der Afghanen selbst.

„Scoopy an alle, 50 Meter rückwärts, marsch-marsch!“ … „Scoopy an alle, Rundumsicherung um die Fahrzeuge. Zur Lageinformation. Die haben die Straße blockiert. Ich geh jetzt mit dem Sprachmittler vor und erkunde, was da Sache ist. Kommen.“ – „Verstanden, kommen …“

Hauptmann Carsten Weszka und seine Männer sind in höchster Alarmbereitschaft. Die Straße vor ihnen ist mit Steinen versperrt, weit und breit niemand zu sehen – ein Sprengstoffattentat? In ähnlichen Situationen wurden deutsche Soldaten schon getötet. Weszka und sein Trupp sind auf Patrouille in der Nähe von Faisabad, im Nordosten Afghanistans.

Doch die Anspannung löst sich. Ein Afghane mit seiner Schafherde kommt den Deutschen entgegen, passiert die Straße und räumt die Steine weg. Die sechs Jeeps haben wieder freie Fahrt. Entwarnung – dieses Mal.

Die Soldaten um Hauptmann Weszka haben selbst schon einige solcher Vorfälle erlebt, bisher stets ohne ernsthafte Gefahr. Sie wissen, sie sind verletzlich – dennoch steht schnell wieder der Tagesbefehl im Vordergrund.

Und der lautet: „Ziviles Lagebild erstellen“. Weszka und sein Trupp sind für das Bundeswehr-Camp in Faisabad der „Draht nach außen“, zuständig für die zivil-militärische Kooperation, kurz Cimic. Sie halten Kontakt zu den Einheimischen und sondieren die Stimmung.

Im Dorf Karakamar sind sie nicht das erste Mal. Maulavi Arshad, der Chef des Ältestenrats kommt schnell zur Sache:

„Ihr kommt das dritte Mal, aber geholfen hat uns noch niemand,“ beschwert er sich. Carsten Weszka beruhigt ihn: „Wir haben Ihren Antrag an die GTZ weitergeleitet. Und das ist der Grund weshalb wir hier sind.“

Karakamar braucht dringend eine Trinkwasserleitung. Da macht sich Ungeduld breit. Doch Hilfe ist in Sicht – dank einer ungewöhnlichen Kooperation.

Die Bundeswehr, das BMZ und die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, kurz GTZ, arbeiten in Afghanistan nach einem gemeinsamen Hilfskonzept. Ein Provinz-Entwicklungsfond soll Projekte zur Dorfentwicklung fördern. Das Geld stellen die Bundesministerien für Verteidigung und Entwicklungshilfe bereit – rund 600.000 Euro im ersten Jahr. Die GTZ koordiniert die Projekte vor Ort.

Neu ist auch – die Dorfbewohner müssen sich mit eigenen Vorschlägen um das Geld bewerben. – Und: Die Auswahl der Projekte trifft eine deutsch-afghanische Kommission. Auswärtiges Amt, BMZ, Bundeswehr und Bundesinnenministerium sind auf deutscher Seite dabei, dazu vier Vertreter der afghanischen Provinzregierung. Eberhard Halbach von der GTZ:

„Das ist neu in Afghanistan, das haben die Afghanen bisher nicht erlebt. Sie kennen nur Militäreinheiten, die für sich Entscheidungen treffen, wo wann Hilfe geleistet wird, oder internationale Organisationen, die für sich entscheiden, wo wann eine direkte Hilfe geleistet wird. Aber dass ein Gremium existiert, an dem sie direkt beteiligt sind und mitwirken können, das hat’s bisher nicht gegeben, das ist neu, und das wird von allen Seiten befürwortet. Und insbesondere auch von der Bundeswehr“

Das Dorf Karakamar hatte sich bei dem Fond um den Bau der Trinkwasserleitung beworben. Rund 8.000 Euro soll sie kosten, ein Viertel davon übernehmen die Bewohner selbst. Jetzt überbringt Hauptmann Weszka die gute Nachricht der GTZ – der Vorschlag wurde akzeptiert, das Projekt kann starten.

„The application you sent to the GTZ …. this project can be realized.“

Trotz des neuen Konzepts – zum Entwicklungshelfer werde die Bundeswehr nicht, sagt Philip Ackermann, Vertreter des Auswärtigen Amtes in Kunduz. Das militärische Mandat habe Priorität. Dass aber auch für die Bundeswehr der Wiederaufbau in Afghanistan im Vordergrund steht, das müsse man zeigen.

„Ich will nicht, dass die Leute unterscheiden zwischen Bundeswehr, GTZ und DED und German Agro-Action. Die sollen wissen, dass es eine einheitliche Position einer Bundesregierung ist. Im Grunde ist der Ansatz der, und das ist mein Ansatz hier und der des Auswärtigen Amtes, dass wir hier die schwarz-rot-goldene Position vertreten.“

Die Afghanen erwarten viel von den Deutschen. Und oft geraten Bundeswehr-Soldaten wie Carsten Weszka in eine Zwickmühle zwischen militärischem Auftrag und dem persönlichen Willen zu helfen.

„Normalerweise versprechen wir nichts, weil die Bundeswehr kein eigenes Budget hat. Wir hängen von Gebern ab, die uns bei Projekten unterstützen.“ – Ja, aber wir brauchen in dieser Region wirklich dringend Hilfe,“ beharrt der Dorfälteste. „Gut, wir werden in den nächsten Wochen ein paar Cimic-Truppen in die Gegend schicken, um noch mal mit Ihnen zu reden und den Fokus hierher zu lenken.“

Weszka ist überzeugt, diese Art von Diplomatie bringe beiden Seiten etwas. Ein Truppenabzug ist für ihn jedenfalls keine Option – er selbst ist schon das zweite Mal in Afghanistan.